14.03.2022, 10:15 Uhr
Energiewende: Strategie

Unternehmen nachhaltiger ausrichten

Strategieleiter Effert © rosenbaum nagy unternehmensberatung

Auf den ersten Blick ist die Energiewende nicht unbedingt ein klassisches betriebswirtschaftliches Thema. Dass sich der zweite Blick dennoch lohnt, zeigt Carsten Effert, Strategieleiter bei der rosenbaum nagy unternehmensberatung.

Der Klimawandel lässt sich nicht länger ignorieren. Dementsprechend kommt man nicht umhin, sich dazu zu verhalten. Was bei staatlichen Institutionen auf der einen und Privatpersonen auf der anderen Seite zumindest auf den ersten Blick vielleicht recht einfach erscheint, wirft bei Unternehmen viele Fragen und Herausforderungen auf.

Daher ist es sehr begrüßenswert, dass inzwischen fast alle Spitzenverbände der freien Wohlfahrtspflege eigene Nachhaltigkeits- und Klimaschutzpositionierungen verabschiedet haben, wie zum Beispiel die Caritas. Aber wie kommt diese Programmatik in den betrieblichen Alltag der sozialwirtschaftlichen Unternehmen?

Die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung als Orientierungsrahmen

Dafür braucht es einen inhaltlichen Orientierungsrahmen. Diesen Rahmen können die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDGs) der Vereinten Nationen (UN) bieten:

1. Armut beenden – Armut in all ihren Formen und überall beenden

2. Ernährung sichern – den Hunger beenden, Ernährungssicherheit und eine bessere Ernährung erreichen und eine nachhaltige Landwirtschaft fördern

3. Gesundes Leben für alle – ein gesundes Leben für alle Menschen jeden Alters gewährleisten und ihr Wohlergehen fördern

4. Bildung für alle – inklusive, gerechte und hochwertige Bildung gewährleisten und Möglichkeiten des lebenslangen Lernens für alle fördern

5. Gleichstellung der Geschlechter – Geschlechtergleichstellung erreichen und alle Frauen und Mädchen zur Selbstbestimmung befähigen

6. Wasser und Sanitärversorgung für alle – Verfügbarkeit und nachhaltige Bewirtschaftung von Wasser und Sanitärversorgung für alle gewährleisten

7. Nachhaltige und moderne Energie für alle – Zugang zu bezahlbarer, verlässlicher, nachhaltiger und zeitgemäßer Energie für alle sichern

8. Nachhaltiges Wirtschaftswachstum und menschenwürdige Arbeit für alle – dauerhaftes, breitenwirksames und nachhaltiges Wirtschaftswachstum, produktive Vollbeschäftigung und menschenwürdige Arbeit für alle fördern

9. Widerstandsfähige Infrastruktur und nachhaltige Industrialisierung – eine widerstandsfähige Infrastruktur aufbauen, breitenwirksame und nachhaltige Industrialisierung fördern und Innovationen unterstützen

10. Ungleichheit verringern – Ungleichheit in und zwischen Ländern verringern

11. Nachhaltige Städte und Siedlungen – Städte und Siedlungen inklusiv, sicher, widerstandsfähig und nachhaltig gestalten

12. Nachhaltige Konsum- und Produktionsweisen – nachhaltige Konsum- und Produktionsmuster sicherstellen

13. Sofortmaßnahmen ergreifen, um den Klimawandel und seine Auswirkungen zu bekämpfen

14. Bewahrung und nachhaltige Nutzung der Ozeane, Meere und Meeresressourcen

15. Landökosysteme schützen – Landökosysteme schützen, wiederherstellen und ihre nachhaltige Nutzung fördern, Wälder nachhaltig bewirtschaften, Wüstenbildung bekämpfen, Bodendegradation beenden und umkehren und dem Verlust der biologischen Vielfalt ein Ende setzen

16. Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen – friedliche und inklusive Gesellschaften für eine nachhaltige Entwicklung fördern, allen Menschen Zugang zum Recht ermöglichen und leistungsfähige, rechenschaftspflichtige und inklusive Institutionen auf allen Ebenen aufbauen

17. Umsetzungsmittel und globale Partnerschaft stärken – Umsetzungsmittel stärken und die globale Partnerschaft für nachhaltige Entwicklung mit neuem Leben füllen

(Quelle: www.un.org/sustainabledevelopment/, Übersetzung übernommen von www.t1p.de/843i)

Implikationen für die Strategieentwicklung

Auch wenn nicht alle Ziele unmittelbar auf ein sozialwirtschaftliches Unternehmen passen, so lassen sich dennoch die relevanten Themen aus der Liste ableiten. Die so identifizierten Themen lassen sich dann Teilbereichen der Unternehmensstrategie zuordnen:

Übergeordnet

Einige Ziele haben so grundsätzlichen Charakter, dass sie eher Aufnahme im Unternehmensleitbild finden sollten. Dazu zählen beispielsweise die Ziele ,Armut beenden‘, ,Bildung für alle‘, ,Gleichstellung der Geschlechter‘ sowie ,Nachhaltiges Wirtschaftswachstum und menschenwürdige Arbeit für alle‘.

Zudem sollten sich alle Unternehmen überlegen, das Thema Nachhaltigkeit als eigenständige Teilstrategie aufzunehmen. Eine eigene Nachhaltigkeitsstrategie ist bei vielen privatwirtschaftlichen Unternehmen bereits verbreitet.

Personalstrategie

Weitere Ziele lassen sich direkt dem Themenbereich Personal zuordnen. Dazu gehört das Ziel ,Gesundes Leben für alle‘. Daraus lassen sich zum Beispiel Anforderungen für das betriebliche Gesundheitsmanagement, aber auch ganz konkret für den Speiseplan in der Betriebskantine oder Mensa ableiten.

Aus dem Ziel ,Nachhaltige und moderne Energie für alle‘ lassen sich verschiedene Implikationen für das Fuhrparkmanagement, aber auch die Personalgewinnung und -bindung ableiten.

So kann beispielsweise der Einsatz von E-Bikes in der ambulanten Pflege bei der Personalgewinnung hilfreich sein – nämlich dann, wenn man dadurch Pflegekräfte findet, die keinen Führerschein haben oder überzeugte Radfahrer sind. Auch die Nutzung von E-Autos als Dienstwagen mit der Zulassung zur Privatnutzung kann ein gewichtiges Argument zur Personalbindung sein. Allerdings kann hier eine fehlende Infrastruktur zum Aufladen zu Problemen führen, wenn die Beschäftigten mangels Alternativen das Fahrzeug zu Hause aufladen müssen.

Produkt- und Angebotsstrategie

Das Ziel ,Nachhaltige Konsum- und Produktionsweisen‘ kann unmittelbaren Einfluss auf die Essensversorgung in den Einrichtungen haben. So gibt es bereits erste Beispiele von sozialwirtschaftlichen Unternehmen, die die Lebensmittelabfälle reduzieren wollen.

Im Grunde bietet das Thema Nachhaltigkeit auch Chancen auf einen Einstieg in neue Geschäftsfelder und Angebote. Ein Beispiel dafür ist der Stromspar-Check der Caritas, bei dem arbeitslose Menschen wieder zu einer sinnvollen Beschäftigung kommen.

Immobilienstrategie

Das Ziel ,Nachhaltige und moderne Energie für alle‘ gibt ebenfalls klare Vorgaben für das Immobilienmanagement. Die relevanten Stichworte sind hier unter anderem energieeffizientes Bauen oder Nutzung erneuerbarer Energien. Dank staatlicher Förderung ist dies inzwischen stark verbreitet, auch in der Sozialwirtschaft.

Diese kurze Auflistung zeigt, wie schnell man beim zunächst eher abstrakten Thema Nachhaltigkeit mit Hilfe der UN-Nachhaltigkeitsziele in die betrieblichen Realitäten von Unternehmen kommt. Die hier skizzierte Vorgehensweise kann recht einfach für einen Führungskräfteworkshop adaptiert werden, in dem dann ganz gezielt und umsetzungsorientiert an den Themen gearbeitet werden kann. Die Ergebnisse können dann beispielsweise in einem Projektplan dokumentiert werden. Will man das Thema Nachhaltigkeit dagegen etwas umfassender in die Unternehmensstrategie einbinden, ist ebenso eine Integration in einen umfänglichen Strategieprozess, wie zum Beispiel einen StrategieSprint, denkbar.

 

Der Autor

Carsten Effert ist Geschäftsbereichsleiter Strategie und Geschäftsfeldentwicklung bei der rosenbaum nagy unternehmensberatung. effert(at)rosenbaum-nagy.de

Die rosenbaum nagy unternehmensberatung unterstützt die Veröffentlichung und Verbreitung dieses Beitrags.