Renteneintritt frühzeitig und gemeinsam gestalten

Arbeitswissenschaftlerin Garthe © Philip Schunke
Wie denken Beschäftigte über die letzten Arbeitsjahre? In ihrer Keynote zeigte Arbeitswissenschaftlerin Nina Garthe, warum frühe Gespräche entscheidend sind und welche Rolle Führungskräfte spielen.
Mit der Frage „Ich bin dann bald weg?“ eröffnete Nina Garthe, Post Doctoral Fellow am Fachgebiet Arbeitswissenschaft der Bergischen Universität Wuppertal, ihre Keynote beim Management- und Personalkongress Soziale Arbeit im Deutschen Bergbaumuseum Bochum. Im Mittelpunkt stand der Übergang vom Erwerbsleben in den Ruhestand. Garthe betonte, dieser Schritt sei kein punktuelles Ereignis, sondern ein langer, individueller Entscheidungsprozess. „Der Ruhestand passiert nicht von heute auf morgen. Er ist ein Prozess“, sagte die Wissenschaftlerin.
Bedürfnisse ändern sich mit dem Alter
Auf Basis repräsentativer Studien und qualitativer Interviews zeigte Garthe, dass sich Wünsche und Pläne mit zunehmendem Alter deutlich verändern. Gesundheit, Arbeitsbedingungen, finanzielle Sicherheit und das private Umfeld beeinflussen, wann und wie Menschen den Ausstieg aus dem Erwerbsleben planen.
„Der stärkste Treiber für einen frühen Ruhestand ist nicht das Geld, sondern der Wunsch nach freier Zeit“, führte Nina Garthe aus. Der Wunsch nach freier Zeit liege als Grund für einen frühen Renteneintritt deutlich vor finanziellen Aspekten oder Belastungen durch die Arbeit.
Gleichzeitig machte sie deutlich, dass viele Menschen länger arbeiten, nicht weil sie es wollen, sondern weil sie es müssen, etwa aus finanziellen Gründen oder aufgrund fehlender Alternativen. Es seien oft nicht die, die länger arbeiten wollen, sondern die, die es müssen.
Gespräche finden oft zu spät statt
Besonders eindringlich beschrieb die Referentin die verbreitete Sprachlosigkeit in Betrieben. Gespräche über den Ruhestand fänden häufig sehr spät statt, oft erst dann, wenn Entscheidungen bereits gefallen seien. In Interviews werde jedoch deutlich, wie groß der Wunsch nach Wertschätzung und klaren Signalen seitens der Arbeitgeber ist. Viele Beschäftigte würden bleiben, wenn Führungskräfte ihnen deutlich sagen, dass sie gebraucht werden.
Garthe warb für frühzeitige, freiwillige Zukunftsgespräche zwischen Führungskräften und Mitarbeitenden. Ziel sei nicht, einen Ausstieg zu beschleunigen, sondern gemeinsam Perspektiven für die letzten Arbeitsjahre zu entwickeln, etwa durch angepasste Aufgaben, flexiblere Arbeitszeiten oder geplanten Wissenstransfer.
Mehrheit offen für längere Beschäftigung
Dabei sei die Bereitschaft vieler Beschäftigter, länger zu arbeiten, deutlich größer als oft angenommen: 78 Prozent können sich vorstellen, länger zu arbeiten. Das gelte jedoch nur, wenn sich die Bedingungen änderten.
Der Ruhestandsübergang, so Garthe, sei daher keine reine Personalfrage, sondern eine strategische Gestaltungsaufgabe für Organisationen. Wie Arbeit in den letzten Berufsjahren gestaltet werde, entscheide mit darüber, ob wertvolle Erfahrung im Unternehmen gehalten werden könne.
Rund 110 Teilnehmende aus Sozialwirtschaft, Politik und Verwaltung kamen beim Management- und Personalkongress Soziale Arbeit im Deutschen Bergbaumuseum Bochum zusammen, um über aktuelle Entwicklungen im Bereich Personal und Management zu diskutieren. Veranstaltet wurde das Forum vom Beratungsunternehmen Contec gemeinsam mit der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe.
Zentrale Handlungsempfehlungen für Unternehmen
- Ruhestandsübergänge frühzeitig thematisieren:
Den Ruhestand nicht erst kurz vor dem Austritt ansprechen, sondern als längeren Prozess begreifen und früh Gesprächsangebote machen. - Gespräche aktiv, aber freiwillig anbieten:
Mitarbeitende sprechen das Thema Ruhestand selten selbst an. Führungskräfte sollten Gespräche anbieten, ohne Druck oder Erwartungshaltungen zu erzeugen. - Wertschätzung und Verbleibswunsch klar kommunizieren:
Ältere Beschäftigte brauchen deutliche Signale: Ihr Wissen wird gebraucht, sie sind erwünscht. - Arbeitsgestaltung flexibel anpassen:
Gestaltungsspielräume bei Arbeitszeit, Aufgabenverteilung, Belastung oder Schichtsystemen können die Bereitschaft erhöhen, länger zu arbeiten. - Gesundheit und Arbeitsfähigkeit differenziert betrachten:
Gesundheit und Arbeitsfähigkeit sind nicht identisch. Gezielte Anpassungen können Arbeitsfähigkeit auch bei gesundheitlichen Einschränkungen erhalten. - Finanzielle Motive realistisch einordnen:
Viele arbeiten aus finanziellen Gründen länger. Gute Arbeitsbedingungen gewinnen hier besondere Bedeutung für Motivation und Bindung. - Soziale Einflüsse ernst nehmen:
Vorherrschende Haltungen im Team oder Betrieb („früh rausgehen ist normal“) beeinflussen Entscheidungen stärker als formale Regelungen. - Zukunfts‑ bzw. Perspektivgespräche etablieren:
Regelmäßige, strukturierte Gespräche zu Aufgaben, Belastungen, Qualifizierung, Wissenstransfer und Perspektiven der letzten Arbeitsjahre führen. - Wissenstransfer früh organisieren:
Übergaben und Nachfolge nicht erst kurz vor dem Austritt planen, sondern über einen längeren Zeitraum gemeinsam gestalten. - Transparenz gegenüber der gesamten Belegschaft schaffen:
Klar kommunizieren, warum und wie über Ruhestandsübergänge gesprochen wird. Das schafft Vertrauen und verhindert Missverständnisse.
sabine_haupt(at)t-online.de