Organisation

Wissenschaftler fordert neues Zukunftsmodell für die Wohlfahrt

Zukunftsforscher Vilain auf dem Contec Forum in Berlin © Contec GmbH

Die Organisationsformen der Wohlfahrt sind der komplexen Welt nicht mehr gewachsen, meint Zukunftsforscher Michael Vilain. Träger müssen ein neues Modell entwickeln und Raum für Experimente schaffen.

Die klassischen Modelle Sozialverband und Sozialunternehmen seien nicht die Zukunft, sagt Michael Vilain, Direktor des Instituts für Zukunftsfragen der Gesundheits- und Sozialwirtschaft an der Evangelischen Hochschule Darmstadt, auf dem Contec Forum in Berlin. „Wir müssen ein neuartiges Strukturmodell entwickeln“, fordert der Wissenschaftler. Das Verhältnis zwischen Staat und Wohlfahrt werde gerade neu austariert. Da komme eine große Veränderung auf die Branche zu.

Starre Strukturen

Die aktuellen Organisationsformen der Wohlfahrt seien historische Reaktionen auf staatliches Handeln. „Die Wohlfahrt hat ihre Verbände als Spiegelbild des Staates auf den verschiedenen föderalen Ebenen gegründet“, erläutert Vilain. Die Strukturen seien veraltet und starr. So hätten AWO, DRK, Diakonie und Caritas neu gegründete soziale Bewegungen in den 70er Jahren wie Kinderläden oder Selbsthilfe-Gruppen an den Paritätischen Gesamtverband verwiesen, anstatt sich der Pluralität zu öffnen. Die Paritäter seien heute einer der größten Verbände und besonders erfolgreich.

Das Festhalten an Strukturen werde künftig nicht mehr funktionieren. Dies Zukunft sei komplex und berge erhebliches Disruptionspotenzial für die Branche. Beispiele seien der Ukrainekrieg, die Corona-Pandemie und Künstliche Intelligenz. Freigemeinnützige Träger könnten nur bestehen, wenn sie die Komplexität annehmen und neue Lösungen suchen. „Dabei sollten Träger nicht als erstes fragen, wer für eine neue Idee haftet oder bezahlt“, so der Experte. Aus Haftungsfragen entstehe keine Kreativität.

Fehler zulassen

Auch das Verständnis von Strategie müsse sich ändern. „Unser Strategiebegriff ist veraltet und ungeeignet für aktuelle Herausforderungen“, sagt der Experte. Es sei unrealistisch, dass Entscheider einen Plan in der heutigen Zeit so umsetzen können wie vorgesehen. Stattdessen sollten Träger experimentieren, Fehler zulassen und im Nachhinein anpassen.

Dabei stünden der Wohlfahrt aber gewachsene Strukturen und bürokratische Vorgaben im Weg. „Die mittlere Ebene verhindert fast immer den Fortschritt, weil sie der Kanal für Ressourcen und Informationen zwischen der oberen und unteren Ebene ist“, berichtet der Wissenschaftler. Das sei auch eine Machtfrage in Organisationen. 

Kreisverbände als Experimentierräume

Die Liste der Hindernisse sei lang, etwa umständliche Prozesse, Dokumentationspflichten und lange Bearbeitungszeiten. „Wenn ich ein Steuerungsinstrument mit 24 Leuten einrichte, wird allein die Terminfindung zu einem enormen Problem“, so der Zukunftsforscher. Zwei oder drei Leute reichten, um gute Ergebnisse zu erzielen. 

Auch hierarchisches Denken hemme die Lösung komplexer Probleme. Hierarchien seien an bestimmten Stellen notwendig. Kreisverbände wüssten aber oft besser als der Bundesverband, was vor Ort helfe. „Diese Öffnung von Räumen für Experimente auf lokaler Ebene brauchen wir, um uns für die Zukunft neu aufzustellen“, so der Wissenschaftler.

Das Contec-Forum findet am 28. und 29. Januar in Berlin statt. Unter dem Motto ‚Willkommen in der Disruption‘ diskutieren 250 Teilnehmende aus Sozial- und Pflegewirtschaft, Wissenschaft und Politik die Herausforderungen der Branche.

Birke Resch
resch(at)wohlfahrtintern.de