Führung

„Wir sind nicht die Dino-Versammlung“

Die Sozialwirtschaft stellt sich zunehmend auf die neuen Anforderungen an moderne Führung ein. Davon sind Verantwortliche auf der abschließenden Podiumsdiskussion auf dem Kongress der Sozialwirtschaft überzeugt.

Diskussionsrunde (v.l.n.r.): Cornelia Röper, Jürgen Besser, Christian Woltering, Ulrike Kostka, Moderator: Tilo Liewald © Wohlfahrt Intern

  • Zunehmende Komplexität führt zu anderen Führungsstrukturen.

  • Einrichtungen müssen neue Instrumente für die Personalakquise nutzen.

  • Sozialwirtschaft kann im Wettbewerb um kreative Köpfe mit anderen Branchen bestehen.

    Die Zeit der Matriarchen und Patriarchen an der Spitze von Einrichtungen ist vorbei. Davon ist Ulrike Kostka überzeugt. „Führung kann nicht mehr von einer Person abgedeckt werden, weil die Aufgaben heute zu komplex sind“, sagte die Direktorin des Caritasverbandes für das Erzbistum Berlin auf der Abschlussdiskussion auf dem Kongress der Sozialwirtschaft in Magdeburg. Kostka plädierte für mehr Führung im Tandem und auch in Teilzeit.

    Agile Unternehmen auch in der Sozialwirtschaft

    Kostka wies die pauschale Kritik an der Führung in der Sozialwirtschaft zurück. „Wir sind nicht die Dino-Versammlung“, stellte die Caritasdirektorin klar. Es gebe auch in der Sozialwirtschaft sehr agile Organisationen, die sich auf die Anforderungen der neuen Zeit einstellten. Als Beispiel nannte sie die Maßnahmen zur Personalakquise im eigenen Verband. Das sogenannte Story-Telling gehöre bei Stellenausschreibungen in der Pflege ebenso zum Werkzeugkasten wie für Führungskräfte.

    In der Führungsebene auf die Mischung achten

    Bei der Besetzung von Führungspositionen empfiehlt die Caritasdirektorin Trägern, über den eigenen Tellerrand hinauszublicken. Ein ausgezeichnete Teamleiterin beispielsweise sei zuvor Filialleiterin bei Schlecker gewesen, die Vorstandssekretärinnen hätten im Hotelgewerbe gearbeitet und eine hohe Dienstleistungsorientierung eingebracht. „Wir brauchen eine gute Mischung aus internen und externen Führungskräften“, sagte Kostka. Ähnliches gelte auch für die Altersstruktur. Nicht nur Jüngere seien technikaffin. Auch ältere Mitarbeiter könnten mit modernen Kommunikationsmitteln umgehen.

    Bewerbern nicht zu viel versprechen

    Kostka warnte gleichzeitig davor, Bewerbern zu viel zu versprechen. „Wir können nicht so tun, als wären wir wie Google.“ Das seien Träger und Verbände der Sozialwirtschaft nicht. „Wir haben nur Google-Anteile.“ Wichtig sei zudem, junge Mitarbeiter systematisch zu Führungskräften zu entwickeln. Viele hätten zwar Lust mitzugestalten und mitzumachen, nicht aber Führungsverantwortung zu übernehmen. Führung sei eben nicht nur nett und agil, sondern müsse auch Verantwortung für extrem wichtige Entscheidungen übernehmen. „Wenn es um den letzten Schritt geht, bleiben nur wenige übrig“, berichtete die Caritasdirektorin.

    Hierarchien können engagierte Mitarbeiter ausbremsen

    Christian Woltering, Landesgeschäftsführer des Paritätischen in Nordrhein-Westfalen, hielt dem entgegen, dass auch die Einrichtungsstrukturen Mitarbeiter ausbremsen. „Manche Personen wollen Verantwortung übernehmen, die stark hierarchischen Strukturen lassen es aber nicht zu.“ Dabei seien Organisationen so komplex geworden, „dass es absurd ist zu glauben, dass die Person an der Spitze auf alles eine Antwort findet“, pflichtete Woltering Ulrike Kostka bei.

    Voraussetzungen für dezentrale Arbeitsweise schaffen

    Am Beispiel des eigenen Verbandes erläuterte Woltering, dass für eine dezentrale und agile Arbeitsweise zunächst die technischen Voraussetzungen geschaffen werden müssen. Im Paritätischen Nordrhein-Westfalen etwa sei die Arbeit der Landesgeschäftsstelle mit den 52 Kreisgeschäftsstellen zu koordinieren. Der Verband nutze Videokonferenzen und das cloudbasierte Office 365, um die räumliche Distanz zu überwinden. „Die Digitalisierung sorgt dafür, dass wir näher zusammenrücken“, sagte der Landesgeschäftsführer.

    Halbwertzeit von Wissen stark reduziert

    Jürgen Besser, Gründer und Geschäftsführer des Start-ups Moio.care, ging auf die Unterschiede zwischen Start-ups und etablierten Trägern ein. Vor dem Sprung in die Selbständigkeit arbeitete Besser als Referent bei der Diakonie Neuendettelsau. In einem Start-up sei die Halbwertzeit von Informationen sehr kurz. Die Strukturen seien daher permanent auf dem Prüfstand. Verantwortung werde schnell an die Mitarbeiter übergeben, permanentes Lernen bei allen sei dafür die Voraussetzung. Bei etablierten Trägern fühlten sich manche Mitarbeiter dagegen in ihrer Verantwortungslosigkeit sehr wohl. „Die Rolle des Schimpfers ist auch sehr bequem“, sagte Besser.

    Junge Fachkräfte mit eigenem Projekt locken

    Beim Plattformentwickler Mitunsleben hat dessen Geschäftsführerin Cornelia Röper die Erfahrung gemacht, dass viele Kollegen mitgestalten möchten, man müsse ihnen nur die Gelegenheit geben. „Bei uns darf jeder seine Idee und Visionen mit reingeben“, sagt die Start-up-Entwicklerin. Das mache die Identität des Unternehmens aus und ziehe wiederum Leute an. Um Mitarbeiter zu gewinnen sollten Einrichtungen lieber Projekte und die Verantwortung dafür beschreiben: „Hier kannst du sein eigenes Projekt machen, mit denen du Preise gewinnen kannst“, ziehe mehr als herkömmliche Stellenausschreibungen. Die jungen Menschen müssten Lust auf das Projekt bekommen. Hängen blieben sie dann, wenn das Team gefällt.

    Argumente der Sozialwirtschaft ziehen

    Röper sieht die Sozialwirtschaft im Wettbewerb um kreative und engagierte Köpfe nicht im Nachteil. Im Gegenteil: Die Sozialwirtschaft habe gute Voraussetzungen, um junge Menschen zu gewinnen. „Hier geht es nicht um Gewinnmaximierung, sondern darum, gesellschaftliche Veränderungen mitgestalten zu können. Das zieht.“ Grundsätzlich funktioniere moderne Führung in allen Branchen ähnlich. Röper: „Aber die Sozialwirtschaft hat noch ein besseres Argument – nicht nur das Geld.“

    Kongress der Sozialwirtschaft 2019

    Der Kongress der Sozialwirtschaft in Magdeburg stand in diesem Jahr unter dem Motto ‚Führung gestaltet. Generationenwechsel – Digitalisierung – Kulturwandel.‘ 440 Führungskräfte aus der Sozialwirtschaft nahmen an der zweitägigen Veranstaltung am 16. Und 17. Mai in Magdeburg teil. Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege, die Bank für Sozialwirtschaft sowie der Nomos-Verlag richten den Kongress alle zwei Jahre aus. irg

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