Reaktion

Streit ist ein Zeichen gelungener Integration

Vertreter aus Diakonie und Caritas stimmen der Kritik von Toprak nicht ungeteilt zu, reagierten aber dennoch selbstkritisch. Ulrich Lilie, Präsident der Diakonie Deutschland, machte auf dem Wichernempfang in Berlin den Anfang.

Präsident Lilie © Wohlfahrt Intern

BERLIN – In einer Blitzumfrage fing Wohlfahrt Intern nach der Rede von Ali Ertan Toprak, Präsident der Bundesarbeitsgemeinschaft der Immigrantenverbände in Deutschland, die Meinungen der Gäste zum Thema Integration ein.

Diakonie-Präsident Ulrich Lilie zeigte sich selbstkritisch. Die Diakonie habe sich zeitweise zu sehr auf die religiöse Debatte konzentriert, räumte er ein. Die Aussage, die deutsche Gesellschaft lasse Kritik am politischen Islam nicht zu, sei zwar etwas einseitig. Provokante Statements seien aber hilfreich, um auf wichtige Themen aufmerksam zu machen. „Wir brauchen eine Debatte darüber, wie Integration wirklich funktionieren kann“, sagte Lilie. Entscheidend sei, dass die Debatte überhaupt geführt werde.

Vielfalt nicht auf Religion reduzieren

Maria Loheide, Vorständin Sozialpolitik der Diakonie Deutschland, verwies auf die Streitkultur. Die Beteiligung der Menschen mit Migrationshintergrund zeige den Grad der gesellschaftlichen Teilhabe. „Sie ist eine Errungenschaft“, sagte Loheide. Ein Zeichen gelungener Integration sei, dass der Präsident der Bundesarbeitsgemeinschaft der Immigrantenverbände auf dem Jahresempfang der Diakonie die Diskussion anrege.

Der Kritik Topraks stimmte die Vorständin teilweise zu. Die Debatte sei auf Religion reduziert worden. „Vielfalt ist mehr als Religion“, sagte Loheide. Gerade die Diakonie sei darauf angewiesen, Strategien für ein funktionierendes Miteinander zu entwickeln, da die diakonischen Einrichtungen und Verbände vielfältig seien. Die Diakonie gehe aber durchaus gezielt auch auf nicht-religiöse Akteure wie den gemeinnützigen Verein ‚Deutschplus‘ oder die ‚Neuen Deutschen Medienmacher‘ zu.

Jörg Kruttschnitt, Diakonie-Vorstand für Finanzen, Personal und Recht rief zu mehr Differenziertheit in der Debatte auf. Anstatt zu kritisieren, was falsch laufe, solle man sich lieber darauf konzentrieren, was die richtige Debatte sei. Dazu gehöre sowohl, selbst Positionen einzubringen, als auch Verständnis für die andere Seite zu zeigen. Diesen Zweck verfolge auch die aktuelle Kampagne der Diakonie mit dem Motto ‚Zuhören‘.

Leitkultur spiegelt die Vielfalt nicht wider

Kruttschnitt mahnte zur Vorsicht im Umgang mit dem Begriff der deutschen Leitkultur. Zwar müssten auch Menschen mit Migrationshintergrund einen Grundkonsens an Werten teilen, etwa das Bekenntnis zu Verfassung und Recht. „Alles, was darüber hinausgeht, müssen wir jedoch aushandeln“, unterstrich der Finanzvorstand. Die deutsche Gesellschaft sei vielfältig, das lasse sich mit dem Begriff der Leitkultur nicht fassen.

Eva Welskop-Deffaa, Vorständin für Sozial- und Fachpolitik beim Deutschen Caritasverband, teilte Torpaks Kritik. Die Fokussierung auf die Religion verstelle den Blick auf die kulturellen und gesellschaftlichen Fragen von Religion. „Wenn wir Migration mit Konfession gleichsetzen, verkennen wir die wirkliche Dimension der Migration“, sagte Welskop-Deffaa. Zudem müsse die Frage nach dem gesellschaftlichen Zusammenhalt immer wieder neu gestellt werden.

Uwe Mletzko, theologischer Geschäftsführer des diakonischen Krankenhausträgers Diakovere in Hannover, verwies darauf, dass die vor Toprak aufgeworfenen Fragen für die praktische Arbeit in der Diakonie sehr relevant sind. „Auch in einem christlichen Krankenhaus müssen wir immer wieder Antworten darauf finden.“ Schließlich seien sowohl Mitarbeitende als auch Patientinnen und Patienten unterschiedlicher Herkunft. „Wir brauchen den Verständigungsprozess“, so Mletzko weiter.

Für Manfred Meyer, Vorstand der Diakonie Bremen, ist es logisch, dass Kirche und Diakonie als religiöse Gemeinschaften eine besondere Affinität zu anderen Religionen und ihren Verbänden hätten. Das sei grundsätzlich auch kein Problem. Wichtig für die Verständigung mit anderen sei, transkulturell zu denken und verschiedene Kulturen auch nebeneinander stehen lassen zu können. Als Voraussetzung dafür sieht Meyer die Reflexion über die eigenen Prägungen und diese im Austausch mit anderen Kulturen auch deutlich zu machen.

Rund 170 Gäste aus Politik, Kirche, Diakonie, Wirtschaft und Wissenschaft nahmen am diesjährigen Jahresempfang der Diakonie Deutschland teil. Der Abend stand unter dem Motto ‚Diakonie mit Anderen – Zusammenhalt und Teilhabe in der Einwanderungsgesellschaft Deutschland‘. irg/br

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