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Digitalisierung
Aktualisiert am 20.05.2019 - 20:46

Plattformen und Netzwerke gefährden Etablierte

IZGS-Professor Michael Vilain

Die freie Wohlfahrtspflege droht ans Ende der Wertschöpfungskette für soziale Dienstleistungen zu rutschen. Davor warnt Michael Vilain, Professor an der Evangelischen Hochschule Darmstadt. Er nennt auch die Ursachen.

  • Digitale Plattformen gefährden etablierte Träger der Sozialwirtschaft.
  • Wohlfahrtsverbände haben einen guten Ruf, sind auf Google aber nicht sichtbar.
  • Kleinen Trägern und Verbänden fehlt das Geld für Innovationen.

In seinem Impulsvortrag auf dem Kongress der Sozialwirtschaft skizzierte der Leiter des Instituts für Zukunftsfragen der Sozial- und Gesundheitswirtschaft die Auswirkungen der digitalen Transformation. Bisher sei die Wohlfahrtspflege der Vermittler der Dienstleistungen gewesen. „Wir waren bisher in der Mitte der Wertschöpfungskette“, sagte Vilain. Jetzt rutsche man ans Ende. Das sei gefährlich, weil für den wirtschaftlichen Erfolg der Platz in der Wertschöpfungskette entscheidend sei.

MyTaxi ersetzt Taxizentralen

Die disruptive Wirkung der Digitalisierung verdeutlichte Vilain an verschiedenen Beispielen. Plattformen wie My Taxi machten heute Taxizentralen starke Konkurrenz, langfristig könnten sie diese überflüssig machen. Plattformen entfalten damit eine Marktmacht, die schließlich über den Marktzugang von Teilnehmern entscheiden kann. Noch extremer verändere sich der Markt, wenn auch Anbieter wie Uber zugelassen würden. Dann entfalle auch das Geschäft der traditionellen Taxianbieter und alle Wertschöpfung fließe zum Plattformbetreiber, so Vilain weiter.

Bei SeniorCare24 ist die Wohlfahrt außen vor

In der Pflege sieht der Professor ähnliche Entwicklungen. „Wohlfahrtsverbände haben einen guten Ruf, sind aber nicht auf Google sichtbar“, stellte Vilain fest. Sichtbar seinen Plattformen wie betreut.de oder SeniorCare24.de. Die Plattform SeniorCare24 etwa vermittelt osteuropäische Pflegekräfte. Das Geschäftsmodell sei sehr attraktiv. Die Freie Wohlfahrtspflege spiele darin jedoch keine Rolle.

Netzwerke übernehmen Hilfeleistungen

Auch neue Netzwerke veränderten traditionelle Dienstleistungsangebote. Die Plattform Be My Eyes etwa verbindet sehende mit sehbehinderten oder blinden Menschen. Beide Seiten registrieren sich bei der Plattform und werden bei Bedarf miteinander verbunden. „Die Plattform bietet ein niederschwelliges Engagement für eine Generation, die sich nicht mehr langfristig binden will“, so der Professor.

Buurtzorg als Pflegenetzwerk der Zukunft

Das niederländische Pflegenetzwerk Buurtzorg ist für Vilain das beste Beispiel, wie technikgetriebene Netzwerke die Struktur einer Branche verändern können. Buurtzorg verzichtet sowohl auf das mittlere Management im Pflegeprozess als auch auf lange Anfahrtswege und spart damit hohe Kosten ein. Statt auf eine zentralen Organisation setzt das Pflegenetzwerk auf dezentrale Teams. In der Zentrale in Amelo arbeiten lediglich 50 Mitarbeiter. Die rund 10.000 Pflegekräfte vor Ort organisieren die Pflege vor Ort selbst. 960 Teams – bestehend aus vier bis zwölf Haupt- und Ehrenamtlichen – versorgen 70.000 Klienten. Vilain verwies darauf, dass die Organisation solcher Netzwerke für die Freie Wohlfahrt grundsätzlich kein Neuland ist. Es sei die Rückkehr der alten Quartiersarbeit. „Wir haben Kernkompetenzen, die wir auch einsetzen können“, sagte der Institutsleiter.

Ressourcen für Innovationen reichen nicht aus

Vilain ist sich sicher, dass sich die disruptiven Wirkungen auch in der Sozialwirtschaft entfalten werden. Doch die Branche stehe vor einem Dilemma. Sie habe nicht genug Ressourcen, um Innovationen voranzutreiben. „Wir haben nicht mal das Geld für eine vernünftige Computerisierung kleiner Träger und Verbände“, resümierte er. „Das treibt die Sorgenfalten auf die Stirn.“

Kongress der Sozialwirtschaft 2019

Der Kongress der Sozialwirtschaft in Magdeburg stand in diesem Jahr unter dem Motto ‚Führung gestaltet. Generationenwechsel – Digitalisierung – Kulturwandel.‘ 440 Führungskräfte aus der Sozialwirtschaft nahmen an der zweitägigen Veranstaltung am 16. Und 17. Mai in Magdeburg teil. Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege, die Bank für Sozialwirtschaft sowie der Nomos-Verlag richten den Kongress alle zwei Jahre aus. irg

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