VdDD-Salon

Digitalisierung nicht um jeden Preis

Der Präsident der Johanniter-Unfall-Hilfe sieht seine Organisation nicht als innovativen Vorreiter. „Wir wollen nicht Pilotanwender sein“, sagte Frank-Jürgen Weise beim VdDD-Salon. Wichtiger sei, was den Menschen wirklich helfe.

JUH-Präsident Weise ©Wohlfahrt Intern

BERLIN – Das Thema des VdDD-Salons war ‚Was diakonische Unternehmen mit Airbnb, Wikipedia und Co. teilen – und was nicht‘. Vor rund 70 Gästen diskutierten der Präsident  der Johanniter-Unfall-Hilfe (JUH), die Staatsministerin für Digitales im Bundeskanzleramt, Dorothee Bär, und Klaus Vitt, Staatssekretär für Inneres im Bundesinnenministerium, die Digitalisierung in der Sozialwirtschaft.

Weise berichtete, wie die JUH das Thema digitale Innovationen bearbeitet. Bei den Johannitern sollen die Mitarbeiter zu Innovatoren gemacht und deren Ideen umgesetzt werden. „Bei uns entstehen jeden Tag 1000 neue Ideen, die koordiniert werden müssen“, erläutert der JUH-Präsident. Das sei eine Herausforderung. Die Johanniter hätten deshalb ein Innovationsmanagement aufgesetzt, das zukunftsweisende Projekte vorantreiben soll. Als Beispiele nannte er die elektronische Personalakte, Hausnotruf, Telemedizin oder auch Roboter in der Pflege.

Digitalstrategie als ethische Entscheidungshilfe

Weise sieht die Diakonie nicht in der Pflicht, aus ethischen Gründen Innovationen voranzutreiben, etwa um Fehlentwicklungen zu vermeiden. Die Ethik müsse allerdings mitschwingen, um zur richtigen Balance zwischen Neuerung und Verantwortung zu führen. Dazu gehöre auch, mal Nein zu sagen und Dinge nicht mitzumachen. „Wir brauchen eine Digitalstrategie, um zu entscheiden, was wir machen und auch nicht machen wollen“, führte er aus.

Er plädierte dafür, den Nutzen von Innovationen zu berechnen, um so Politiker vom Mehrwert und von Förderungen zu überzeugen. „Sonst ist es nur Geldeinsammeln“, sagte ehemalige Präsident der Bundesagentur für Arbeit. In seiner Zeit bei der Bundesagentur für Arbeit habe er etwa berechnen lassen, dass ein Beschäftigter ohne Schulabschluss und Berufsausbildung die Arbeitslosenversicherung im Laufe seines Berufslebens 100.000 Euro mehr kostet als jemand mit Schulabschluss und Berufsausbildung. Damit habe er im Haushaltsausschuss für mehr Investitionen in die Aus- und Weiterbildung argumentiert. Jede Investition in diesen Bereich verspreche eine hohe Rendite, war sein Credo. „Wenn wir Lösungen haben, bedrängen wir nicht die Politik“, ist sich Weise sicher.

Aus Glaubwürdigkeitsvorsprung Nutzen schlagen

Dorothee Bär, Staatsministerin für Digitales im Bundeskanzleramt, forderte den freigemeinnützigen Bereich auf, Innovationen voranzutreiben. „Wir brauchen Player, die nah an den Menschen dran sind.“ Sie attestierte der Diakonie einen Glaubwürdigkeitsvorsprung, den sie für die Plattformökonomie nutzen sollte. „Wer Plattformen hält, hält die Macht in den Händen“, sagte Bär.

Auch das Werben für die Akzeptanz von technischen Innovationen dürfe nicht vernachlässigt werden, mahnte sie. Die Bürger müssten persönlich vom Nutzen überzeugt sein. Eine ältere Dame, die immer auf den Fahrdienst der ungeliebten Schwiegertochter angewiesen ist, sei sicher offener für selbstfahrende Autos als ohne die persönliche Betroffenheit. „Wir müssten 80 Millionen Beispiele geben, wenn die Menschen erkennen sollen, welchen Nutzen die Technik hat“, wünscht sich die Digitalisierungsministerin.

Sie sicherte auf der Veranstaltung auch zu, die Förderbedingungen für gemeinnützige Organisationen und soziale Start ups zu überprüfen. Bär will sich dafür stark machen, Benachteiligungen abzubauen und Hilfestellung zu leisten. Start ups riet sie, im Politikbetrieb mehr auf sich aufmerksam zu machen. Nur wer laut sei, werde gehört. Den Verbänden schrieb sie ins Stammbuch, Anliegen besser abzustimmen. „Vieles scheitert auch daran, dass man sich im Vorfeld nicht einigt“, so die CSU-Politikerin.

Cybersicherheit bei Innovationen immer mitdenken

Klaus Vitt, Staatssekretär für Inneres im Bundesinnenministerium, stellte den Datenschutz im Internet in den Mittelpunkt seiner Ausführungen. „Wenn man die Herausforderungen der Zukunft digital bewältigen möchte, muss man Cybersicherheit immer mitdenken“, sagte Vitt. Dabei gebe es ein großes Gefälle zwischen großen sowie kleinen und mittelständischen Unternehmen. Vor allem kleine Betriebe und Mittelständer hätten ein Defizit in der Cybersicherheit. Das liege an den finanziellen Möglichkeiten der Unternehmen und den persönlichen Fähigkeiten der Beschäftigten. Vitt vermutet, dass die Lage bei diakonischen Einrichtungen ähnlich ist.

Vitt strich auch die Bedeutung der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) heraus. Er räumte ein, dass die DSGVO diese Innovationen zunächst bremsen könne. „Wenn ein paar Pannen mehr passieren“, so der Staatssekretär, „erkennen wir erst den Wert dieser Regeln.“ Das Thema werde heute noch unterschätzt. irg

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