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Wohlfahrt Intern
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Editorial
Aktualisiert am 26.03.2021 - 08:40

Kuckucksnest Wittekindshof

Chefredakteurin Iris Röthig © Wohlfahrt Intern

Liebe Leserin, lieber Leser, einiges deutet auf einen der größten Skandale hin, die es in einer Einrichtung der Behindertenhilfe in jüngerer Zeit gegeben hat. 145 Mitarbeitende, Ärztinnen und Ärzte sowie Angehörige sollen in der Diakonischen Stiftung Wittekindshof Menschen mit Behinderung der Freiheit beraubt sowie Gewalt gegen sie angewendet oder zumindest davon gewusst haben.

Die Staatsanwaltschaft ist bei den Ermittlungen gegen einen einzelnen Mitarbeiter offenbar auf ein Kuckucksnest gestoßen. Hollywood in Bad Oeynhausen.

Die Konsequenzen 

Der Vorstand distanzierte sich von den Taten und versprach schonungslose Aufklärung. Außerdem suspendierte er einen Verantwortlichen und kündigte weitere Maßnahmen an. Die Betroffenen sollen auf andere Wohngruppen verteilt, eine externe Beschwerdestelle eingerichtet und eine zusätzliche Fachdienstleitung mit Vetorecht ausgestattet werden.

Der wahre Skandal 

Für Mitarbeitende müssen solche Aus- und Ansagen wie Hohn klingen. Alle Taten ereigneten sich im sogenannten Intensivbereich. Was harmlos klingt, ist in Wirklichkeit ein Pulverfass. Hier leben verhaltensauffällige Menschen mit Behinderung, die Mitarbeitende täglich neu mit ihrer Aggressivität oder ihrem selbstverletzenden Verhalten fordern und auch überfordern. Auch so könnte die Geschichte gelesen werden: 145 Menschen wussten sich nicht weiter zu helfen, als immer wieder übergriffig zu werden. Geholfen hat ihnen offenbar niemand. Dafür werden sie jetzt womöglich auch noch bestraft. Die eindrucksvolle Geschichte unserer Redakteurin Birke Resch leuchtet einen Bereich der Eingliederungshilfe aus, der mit den fröhlichen Menschen mit Behinderung auf Webseiten und in Hochglanzprospekten nichts zu tun hat. Ab Seite 12 erfahren Sie mehr über die Vergessenen und ihre Betreuerinnen und Betreuer.

Schonungslos aufklären 

Abgesehen von einer dürren Stellungnahme gibt sich der Wittekindshof schweigsam, lässt unsere Fragen unbeantwortet. Hat der Vorstand ähnlich schweigsam auch auf Überlastungsanzeigen seiner Mitarbeitenden aus dem Intensivbereich reagiert? Auch da bedarf es  Aufklärung. Vorstände, die ihre Mitarbeitenden im Stich lassen oder völlig ahnungslos sind, haben an der Spitze einer so bedeutenden Einrichtung nichts zu suchen.

Kommen Sie gut durch die Corona-Zeit! Ich wünsche Ihnen anregende Lektüre.

Iris Röthig
Chefredakteurin

P.S.: Haben Sie Fragen oder Anregungen zu unserer Berichterstattung? Dann schreiben Sie mir: roethig(at)roethigmedien.de Ich nehme Ihre Anregungen gerne auf.

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