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Lagebericht
Aktualisiert am 03.04.2020 - 13:34

„Dubiose Händler versprechen das Blaue vom Himmel“

Vorsitzender Hensel © Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege in Nordrhein-Westfalen

Altenheime und Tagespflege sind von der Coronakrise schwer getroffen. Frank Johannes Hensel, Vorsitzender der Freien Wohlfahrtspflege NRW, im Interview über fehlende Schutzkleidung, windige Händler und findiges Personal.

Das Coronavirus ist in Pflege- und Seniorenheimen angekommen. Was muss grundsätzlich verbessert werden, um die Bewohner noch besser zu schützen?

In der Corona-Pandemie fehlt es aktuell immer mehr an Schutzmaterial. Seit Wochen ringen wir um Nachschub, doch es wird nichts oder zu wenig geliefert. Die Politik hört uns und tut, was sie kann, doch was ankommt, reicht nicht. Der Markt ist trocken, Vorräte gehen aus. Schutzmaterial wird natürlich in den Krankenhäusern benötigt, doch auch die Pflegeeinrichtungen, die ambulante Pflege, Behinderteneinrichtungen, Hospize, viele sozialen Dienste wie beispielsweise Anlaufstellen für Wohnungslose bräuchten Schutzkleidung. Die Suche nach Schutzmaterialien und die Prüfung der Seriosität von Angeboten bindet viel Kraft. Ein klarer Verbesserungsbedarf liegt in der vielerorts noch zu schwachen Ausstattung mit digitaler Kommunikationstechnik. Sie schafft es manche Besuchseinschränkungen und -verbote technisch zu überbrücken. Unkomplizierte Kontaktmöglichkeiten per Video oder Chat in allen Zimmern wären eine große Hilfe und ein Segen für viele. Wir brauchen einen Digitalpakt mit der Politik, um hier deutlich voran zu kommen.

An was mangelt es am meisten?

Wir brauchen in Pflegeheimen spezielle Schutzmasken, Schutzleidung und Einmalhandschuhe in garantierter Qualität, um bei Verdachts- und bestätigten Fällen weiter die Pflege leisten zu können und die Ausbreitung der Infektion zu verhindern. Leider gibt es etliche unseriöse Angebote von zweifelhafter Qualität. Täglich sind Handyanrufe von dubiosen Händlern, die das Blaue vom Himmel versprechen, oder Mailangebote über Schutzmasken mit offensichtlich gefälschten Zertifikaten zu verzeichnen.

Wo sehen Sie die größten Gefahren für die Bewohner?

Die Hauptgefahr liegt in einer Infektion mit schwerem Krankheitsverlauf. Schwierig ist derzeit aber auch die Versorgung durch ärztliches und therapeutisches Personal. Auch diese Kontakte sind sehr minimiert, was die Versorgungssituation nicht leichter macht. Es gibt zunehmend Covid-19-Fälle in Einrichtungen der Pflege und übrigens auch in der Behindertenhilfe. Die Pflegekräfte sind in aller Regel gut auf die Ansteckungsgefahr vorbereitet und wissen professionell mit Infektionsrisiken umzugehen, dennoch besteht natürlich das Gefühl, der Entwicklung letztlich sehr ausgeliefert zu sein.

Wie ist grundsätzlich die Stimmung unter den Bewohnern während der Krise?

Die Besuchseinschränkungen und -verbote treffen die alten Menschen natürlich. Und auch deren Angehörige, die sich Sorgen um ihre Mutter und ihren Vater machen und sie nicht besuchen können. Manche Einrichtungen werden dabei kreativ und entwickeln Möglichkeiten an Balkonen und Fenstern. Demente Patienten erfassen die Situation oft gar nicht. Die Verwirrung ist groß, wenn plötzlich viele Personen in Schutzausrüstung da sind. Im Vorteil sind die Einrichtungen, die digital so gut aufgestellt sind, dass über Videochats und andere soziale Netzwerke mit Angehörigen kommuniziert werden kann. Besuchsverbote und Kontaktreduzierungen bedeutet auch, dass sich das Programm in den Einrichtungen ändert. Ausflüge und Gastauftritte sind nicht mehr möglich. Da sind Einrichtungen gefordert, andere Angebote zu machen, wie zum Beispiel ganz altmodisch Postkarten mit Hilfe der Auszubildenden schreiben.

Müssten Pfleger und Mitarbeiter der Einrichtungen häufiger getestet werden?

Wiederholte Tests des Pflegepersonals wären schon deshalb notwendig, weil positiv Getestete dann zeitig vom Betrieb fernbleiben könnten. Ebenso wünschen wir uns, dass mehr Bewohnerinnen und Bewohner getestet würden, um gezielter isolieren zu können. Die Klarheit durch Corona-Tests gibt Handlungsorientierung. Hier gehen die Gesundheitsämter und Kreise uneinheitlich vor. Tatsächlich haben Pflegekräfte ein Recht darauf, sich testen zu lassen, sobald sie Symptome haben. Aber auch das wird von Kreis zu Kreis unterschiedlich gehandhabt. Immerhin sollen nun die Pflegekräfte in Quarantänebereichen der Einrichtungen öfter getestet werden. Auch ein Test zur Bestimmung einer überstandenen Erkrankung, der Test auf Corona-Antikörper, wird hilfreich werden. Dadurch entsteht mehr Gewissheit, dass es überstanden ist, Ängste werden abgebaut und Einsatzmöglichkeiten erhöht.

Wie lange können die Einrichtungen unter den aktuellen Bedingungen den Betrieb noch aufrechterhalten?

Neben dem Umstand, dass Mitarbeitende ausfallen, weil sie Corona-positiv sind oder unter Quarantäne stehen, werden sie auch psychisch stark beansprucht. Sie pflegen auch eine Beziehung zu vielen Bewohnerinnen und Bewohner und werden vermutlich mehr Verluste als sonst verarbeiten müssen. Sie werden alles geben und arbeiten motiviert und engagiert. Doch es kann sein, dass es manchmal einfach nicht mehr reicht, dann brauchen auch die Helfer Hilfe. Im Augenblick sind bereits alle Auszubildenden in den Einrichtungen und nicht in den Schulen und auch die Mitarbeitenden aus den geschlossenen Tagespflegen stehen zur Verfügung. Es kann sein, dass es Zeiten gibt, wo noch weitere Personen mithelfen müssen. Es muss und wird sie dann auch geben.

Zur Person:

Frank Johannes Hensel ist Vorsitzender der Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege in Nordrhein-Westfalen und selbst ausgebildeter Arzt, hat bei der Bundesärztekammer gearbeitet und amtiert seit 2005 als Direktor des Diözesan-Caritasverbandes für das Erzbistum Köln.

In der Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege Nordrhein-Westfalen haben sich 16 Spitzen­verbände in sechs Verbandsgruppen zusammengeschlossen. Die gemeinnützigen Wohlfahrtsverbände betreiben allein in Nordrhein-Westfalen 1331 stationäre Pflegeeinrichtungen, in denen über 100.000 alte und pflegebedürftige Menschen leben, dazu 885 ambulante Pflegedienste.

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