Betreuungskräfte

Arbeitslose als Betreuer: Geteiltes Echo bei Verbänden

In stationären Pflegeheimen sollen zusätzliche Betreuungskräfte eingestellt werden.

BERLIN - Die Überlegung geht auf die Gesetzlichen Krankenkassen (GKV) zurück. Der GKV-Spitzenverband hat eine entsprechende Richtlinie für zusätzliche Betreuungskräfte in stationären Einrichtungen dem Bundesgesundheitsministerium zur Genehmigung vorgelegt. Daraufhin hatte die Bundesagentur vorgeschlagen, auch Arbeitslose für die Betreuung beispielsweise von Demenzkranken einzusetzen. Aufgabe der zusätzlichen Mitarbeiter soll es sein, Betroffene zu Alltagsaktivitäten wie Spaziergängen, Malen, Singen, Kochen oder Tanzen zu aktivieren und sie dabei zu betreuen. Nach der entsprechenden Richtlinie müssten die Betreuer ein fünftägiges Orientierungspraktikum in einem Pflegeheim, Kurse zur Betreuungsarbeit im Umfang von 160 Stunden und ein Betreuungspraktikum von zwei Wochen absolvieren sowie eine jährliche Fortbildung von zwei Tagen mitmachen. Bereits erworbene Qualifikationen – zum Beispiel als Pflegehelfer oder Krankenschwester – sollen angerechnet werden.

 

Der Vorschlag ist Wohlfahrts- und Pflegeverbänden auf unterschiedliche Reaktionen gestoßen. „Wir begrüßen die Unterstützung der Arbeitsagenturen bei der Personalfindung, soweit sichergestellt ist, dass geeignete und motivierte Bewerber vorgeschlagen werden“, sagt Bernd Meurer, Präsident des Bundesverbands privater Anbieter sozialer Dienste (bpa). Aufgrund der Pflegereform würden alleine die Mitgliedseinrichtungen des bpa rund 50000 neue Stellen für zusätzliche Betreuungskräfte schaffen. Meurer stellt klar: „Es besteht keine Gefahr der ‚Billig-Pflege’. Hier geht es nicht um Leistungskürzungen, sondern um neue, zusätzliche Leistungen.“

 

Auch der Geschäftsführer des Kuratoriums Deutsche Altershilfe (KDA), Peter Michell-Auli, spricht sich grundsätzlich für die Möglichkeit aus, zusätzliche Betreuungskräfte im stationären Bereich einzusetzen. Doch neben der persönlichen Eignung der Bewerber käme es darauf an, ein Weiterbildungsprogramm anzubieten, das nicht weniger als 200 Unterrichtsstunden umfassen sollte – samt Kommunikationsschulung und Erste-Hilfe-Kurs.

 

Heike von Lützau-Hohlbein, erste Vorsitzende der Deutschen Alzheimer Gesellschaft, hebt die Stärkung der sozialen Betreuung Demenzkranker in Pflegeheimen hervor. „Die soziale Betreuung Demenzkranker in den Heimen ist ebenso wie die Pflege eine wichtige und anspruchsvolle Aufgabe.“ Um sie ihr richtig nachzugehen, dürften die Betreuer in der Praxis nicht allein gelassen werden. „Sie müssen von erfahrenen, fachlich qualifizierten Fachkräften angeleitet und begleitet werden und schwierige Betreuungssituationen besprechen können. Auf jeden Fall muss verhindert werden, dass die Betreuungskräfte als Lückenbüßer in der Pflege eingesetzt werden.“

 

Ein zusätzliches Betreuungsangebot für Menschen mit eingeschränkten Alltagskompetenzen könne dazu beitragen, ihre Lebensqualität zu verbessern, betont Diakonie-Präsident Klaus-Dieter Kottnik. Gleichzeitig warnt er vor überzogenen Erwartungen: „Die Betreuungsassistenten lösen nicht den weiteren Bedarf an Fachkräften in der stationären Altenhilfe.“ In den letzten Jahren habe dort ein erheblicher Personalabbau stattgefunden. Die zusätzlichen Kräfte könnten und dürften nicht den Einsatz von qualifiziertem Personal ersetzen, so Kottnik.

 

Auch der Caritasverband für die Diözese Münster befürwortet die Richtlinien nicht ohne Bedingungen; Voraussetzung für das Angebot sei, dass sich arbeitslose Menschen freiwillig dafür entscheiden könnten, erklärte Diözesancaritasdirektor Heinz-Josef Kessmann. „Denn es darf nicht übersehen werden, dass gerade die Betreuung von Demenzkranken eine hohe Motivation, viel Engagement und Sozialkompetenz erfordert.“ Die Betreuung der alten Menschen zu verbessern, sei richtig, so Kessmann. Dazu würden allerdings nicht nur zusätzliche Assistenzkräfte benötigt, sondern auch eine ausreichende Zahl qualifizierter Pflegemitarbeiter.

 

Dagegen übt Heidi Merk, die Vorsitzende des Paritätischen Gesamtverbands, heftige Kritik an der Richtlinie und fordert das Bundesgesundheitsministerium auf, sie in der vorliegenden Form abzulehnen. Insbesondere den vorgesehenen Ausbildungsumfang zur Qualifizierung hält Merk für völlig unzureichend. „160 Stunden mögen ausreichend und gut sein, wenn jemand schon einen entsprechenden Erfahrungshintergrund aus einem Gesundheits- oder Sozialberuf mitbringt. Für Quereinsteiger, die als Betreuungsassistenten tätig werden wollen, braucht es jedoch mehr als einen Schnellkurs“. Sie fordert eine Aufstockung des Qualifikationsumfangs auf mindestens 800 bis 900 Stunden. „Alles andere wäre grob fahrlässig“, so Merk.

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