Berliner Demografieforum

Bewegungen im Blick haben

Die Analyse der Migration innerhalb Deutschlands ist für die Entwicklung von Angeboten der Daseinsvorsorge und Versorgung entscheidend. Dabei müssen Städte und Kommunen über Kreisgrenzen hinweg zusammenarbeiten.

Silke Franz, Geografin und Politikberaterin bei der Heinrich-Böll-Stiftung

„Die Standards für die Daseinsvorsorge müssen aufrecht erhalten werden, gerade im ländlichen Raum“, sagte die Geografin und Politikberaterin Silke Franz von der Heinrich-Böll-Stiftung. Dafür sei ein Umdenken in der Beziehung von kleinen Kommunen und Städten nötig. Diese müssten in Regionen denken. Die politische Diskussion sei zu stark auf Städte fokussiert.

Internationale Austauschplattform

Franz war eine von 200 nationalen und internationalen Experten, die sich auf dem Berliner Demografieforum mit der Frage beschäftigten, welche Herausforderungen sich durch wachsende Binnenwanderung innerhalb Deutschlands und Europas ergeben. Die jährlich stattfindende Veranstaltung bringt Akteure aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft zusammen, um Entwicklungen zu diskutieren und Handlungsmöglichkeiten für den demografischen Wandel zu entwerfen. Organisatoren der Konferenzreihe sind die Diakonie Deutschland, die Allianz Deutschland, und die European School of Management and Technology (ESMT) Berlin.

Mehrere Podiumsdiskussionen legten den Fokus auf die Binnenwanderung in Deutschland. Die Geografin Franz sprach bei einem Panel mit anderen Experten über allgemeine Trends. Angelika Münter vom Institut für Landes- und Stadtentwicklung Dortmund präsentierte Auswertungen der Wanderungsströme zwischen Gemeinden und Städten. „Aufgrund der Anspannung des Wohnungsmarktes in den Großstädten nahm die Abwanderung ins Umland in den letzten Jahren stark zu“, erklärte Münter. Gleichzeitig erlebten die größeren Städte in Landkreisen einen starken Zuzug. Die kleinen Gemeinden und Dörfer seien die Verlierer dieser Wanderungsprozesse. „Bei den peripheren, ländlichen Räumen kommt es zu einer schleichenden Entleerung“, sagte die Wissenschaftlerin.

Fehlende Versorgung zwingt zum Umzug

Silke Franz von der Heinrich-Böll-Stiftung betonte, ländliche Gebiete bräuchten mehr Perspektive und eine intelligente Infrastruktur. Immer mehr ältere Menschen, beispielsweise in Mecklenburg-Vorpommern, würden von den Dörfern in die kleinen und mittelgroßen Städte ziehen, weil es dort bessere Versorgungsangebote gibt. „Bis 2030 ist im ländlichen Raum in Ostdeutschland mit einem Bevölkerungsschwund von bis zu 35 Prozent zu rechnen“, sagte die Geografin. 

Das zweite Panel beschäftigte sich mit den Folgen der Binnenwanderung für Stadtverwaltungen und die Versorgung älterer Menschen. Heribert Kleene, Bürgermeister der Gemeinde Vrees im Emsland und Birgit Richtberg, Bürgermeisterin der hessischen Kleinstadt Romrod, präsentierten Projekte und Ideen, die älteren Bürgerinnen und Bürgern ein Leben in ihren kleinen Kommunen ermöglichen und erleichtern sollen. In Vrees gibt es eine Tagesbetreuung im Bürgerhaus, Singlewohnungen mit angebotener Palliativ- und Intensivpflege sind geplant.

Einwohner organisieren Angebote selbst

In Romrod setzt Bürgermeisterin Richtberg auf Bürgerbeteiligung. „Wir können nicht viel dagegen machen, dass wir immer weniger werden“, sagte sie. Die jungen Menschen gehen studieren und kehren nicht zurück, weil es kaum Arbeitsplätze gibt. Aber die Stadt könne für die Menschen, die noch in ihr wohnen, ein guter Ort zum Leben sein. Dafür motiviert sie die Einwohner, gemeinsame Projekte zu starten. In den letzten Jahren sind so ein Tagesmütternetzwerk, eine Ferienbetreuung und eine Nachbarschaftshilfe entstanden. Außerdem gibt es eine App, die Mitfahrgelegenheiten von und nach Romrod organisiert.

Zusammenarbeit stärkt die Infrastruktur

Diakonie-Präsident Ulrich Lilie betonte, wie wichtig Kooperationen mit Vereinen, Wohlfahrtsträgern und Wirtschaft für die Aufrechterhaltung der Infrastruktur von Versorgungsangeboten im ländlichen Raum sind. „Man muss anfangen, in größeren Räumen zu denken und mehrere Kommunen einer Region an einen Tisch bringen“, forderte Lilie weiter.

Wenn Menschen von der Stadt aufs Land ziehen, brauche es dort neue Angebote. Wenn ältere Bürger ein Leben lang in einer Stadt Steuern gezahlt haben und dann in eine Kommune in den Umkreis ziehen, fallen dort Kosten für die Versorgung an. Hier müssten benachbarte Städte und Gemeinden mehr zusammenarbeiten. sd

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