Soziale Infrastruktur

Chancen bleiben ungenutzt

Wohlfahrtsverbände bekommen nicht immer die Aufmerksamkeit, die sie verdienen, bemängelt Caritas-Vorständin Eva Maria Welskop-Deffaa. Gleichzeitig fordert sie von den Verbänden mehr Selbstkritik und digitale Kompetenz.

Caritas-Vorständin Welskop-Deffaa © Anke Jacob

Was hat dich beim letzten Besuch im Louvre besonders beeindruckt? „Die Mona Lisa! Das Bild, so klein, hat eine monumentale Ausstrahlung.“ Oder: „Die umgekehrte Pyramide! In ihrem Lichtkegel stehend ahnt man, warum Dan Brown mit ihr das Rätsel des Da Vinci-Codes löst.“ Renaissance-Liebhaber oder Fan amerikanischer Thriller – die Antworten verraten über den, der sie gibt, ebenso viel wie über die Attraktionen des weltberühmten Museums in Paris.

Wenn ich, seit 500 Tagen im Amt des Vorstands Sozial- und Fachpolitik beim Deutschen Caritasverband, gefragt werde, was mich bei der Caritas besonders überrascht hat, muss mir klar sein, dass bei der Beantwortung dieser Frage das gleiche gilt wie für den Louvre. Deshalb seien mir zwei Annäherungen an die Frage gestattet: eine aus der Perspektive der Sozialpolitikerin und eine zweite aus der Perspektive des CIO, des Vorstandsmitglieds, das im Caritasverband die Zuständigkeit für die digitale Agenda übernommen hat.

Soziale Dienste und Einrichtungen vernachlässigt

Aus der Perspektive der Sozialpolitikerin besteht die größte Überraschung in der sozialen Infrastruktur. Das ausgedehnte, weit verzweigte Netz sozialer Dienste und Einrichtungen, die sich (sozial-)räumlich erstreckende Dimension des Sozialstaats, ist im sozialpolitischen Diskurs ungenügend im Blick. Wer nach den dominanten Themen der Sozialpolitik Ausschau hält, sieht die Rentenpolitik, Debatten über die Grundsicherung und familienpolitische Leistungen. Leidenschaftlich wird darüber diskutiert, wer welcher Unterstützungsleistungen bedarf, wie sie zu bemessen sind, an welche Voraussetzungen sie zu knüpfen und mit welchen Sanktionen sie verbunden sein sollten. Die Caritas ist an diesen Diskussionen qualifiziert beteiligt. Es ist wichtig, für die typischen Risiken im Lebenslauf gute finanzielle Absicherungen zu gewährleisten – gerade für die Menschen, die nicht auf dem Sonnendeck unterwegs sind.

Gleichzeitig ist es aber geboten, mit sozialen Diensten dem Teufelskreis von Armut und Ausgrenzung im Lebenslauf aktiv entgegen zu wirken. Dazu bedarf es der integralen Verknüpfung von sozialer Leistungs- mit sozialer Infrastrukturpolitik. Wohlfahrtsverbandliches Handeln lässt und ließ sich immer verstehen als Verschränkung dieser beiden Dimensionen. Wohlfahrtsverbände halten ein Netz sozialer Dienstleistungen vor, das die Einheitlichkeit der Lebensverhältnisse sichert, indem das Netz auch dort trägt, wo längst kein privater Pflegedienst mehr rentierlich zu betreiben ist. Wir halten dieses Netz vor, weil wir „Not sehen und handeln“. Das konkrete Hilfeangebot ist unser Proprium als Wohlfahrtsverband, es ist das Angebot, das wir machen, um Abwärtsspiralen im Lebenslauf präventiv entgegen zu treten: Die Schuldnerberatung gegen den Verschuldungskreislauf, die ambulanten Seniorendienste gegen die Vereinsamung alter Menschen – und das alles sekto-renübergreifend verknüpft.

Verbände ergreifen Initiative

Die Erfahrungen, die in und mit diesen Angeboten gemacht werden, so das Selbstverständnis, sind zugleich die Basis nächster sozialpolitischer Initiativen: wo wir spüren, dass sich ein neues gesellschaftliches Problem vervielfältigt oder zuspitzt, da ergreifen Wohlfahrtsverbände die Initiative, um für die Menschen, denen sie in ihren Diensten begegnen, politisch Leistungen und Ansprüche bedarfsgerecht einzufordern. Sozialpolitisches und unternehmerisches Handeln sind im Wohlfahrtsverband damit zwei Seiten einer Medaille, sind als Zwillingspaar sozialer Innovations- und Wirkungsmacht zu verstehen und als solches öffentlich bewusst.

Soweit das leuchtende Ideal. Die Wirklichkeit kennt seine Schatten. Wohlfahrtsverbände haben sich nicht immer und überall als Seismographen neuer Bedürfnisse bewährt. Die Notwendigkeit etwa, die Kita als Ganztagsangebot auch für unter Dreijährige vorzuhalten, wurde von manchen unserer Kindergartenträger eher skeptisch beobachtet. Die an den Bedürfnissen der Menschen orientierte Verzahnung verschiedener Angebote in Trägerschaft der Caritas – vom Krankenhaus über den ambulanten Pflegedienst bis zum Altenheim – ist keineswegs immer und überall leicht. Es findet sich versäultes Arbeiten, wo zum Beispiel die Schuldner- und die Schwangerenberatung nur nebeneinander laufen und Chancen der Vernetzung ungenutzt bleiben. Diese Defizite sind selbstkritisch zu konstatieren.

Preiswettbewerb schwächt Anbieter

Selbstbewusst ist jedoch zu sagen, dass trotz der so beschriebenen Luft nach oben das Konzept des Wohlfahrtsverbands unübertroffen ist. Die Ökonomisierung der Neunzigerjahre hat die sozialen Dienstleistungen gezwungen sich dem Wettbewerb mit privaten Anbietern zu stellen. Das war mancherorts ein durchaus hilfreicher Weckruf, indem Klientinnen und Ratsuchende als Nachfrager wahrgenommen wurden. Inzwischen droht aber eine die Besonderheiten der sozialen Infrastruktur negierende Anreizstruktur mit ihrem Preiswettbewerb gemeinwohlorientierte Anbieter und ihr wohlfahrtsverbandliches Netz nachhaltig zu schwächen. Die wiederholt geäußerte Verdächtigung, Wohlfahrtsverbände seien im Markt nur noch am Ertrag der Einrichtungen interessiert und würden hinter der Fassade der Betroffenen-Interessen ihren wirtschaftlichen Vorteil verstecken, vergiftet das Klima.

Die Unterbringung und Beratung für Schutzsuchende haben Wohlfahrtsverbände in den Jahren 2015 und 2016 aus- und aufgebaut, weil es ihrem Verständnis von „Not sehen und handeln“ entsprach. Eine Haltung des „Das schaffen wir nicht“ war und ist ihnen im Angesicht sozialer Notlagen fremd. Wie  Lorenz Werthmann, Gründer des Caritasverbandes, im Jahr 1916 sagte: „Niemals darf der Caritasverband mit verschränkten Armen dem Strudel des Zeitstromes und dem Untergang der von diesem erfassten Opfer tatenlos zusehen. Auch darf er sich nicht damit begnügen, um Hilfe zu schreien, damit sich andere zur Rettungsarbeit aufraffen, er selbst muss den Mut haben, im Augenblick der Not sich in den Strudel zu stürzen, um die Opfer aus dem Verderben zu retten.“

Drei Dinge haben mich also in den ersten 500 Tagen als Vorstand des Deutschen Caritasverbands überrascht: die Unterbelichtung der sozialen Infrastruktur in der Sozialpolitik, die Schwierigkeit, ihr eine angemessene Aufmerksamkeit zu erkämpfen und die Notwendigkeit, intensiver zu erklären, welche Rolle Wohlfahrtsverbände als Gerüst sozialer Infrastruktur, Solidaritätsstifterin und Anwältin der Ausgegrenzten im Sozialstaat spielen. Wohlfahrtsverbände sind wie die Sozialpartner unverzichtbare Partner des Sozialstaats, keine Relikte eines überkommenen Korporatismus. Soweit zur Mona Lisa.

Digitale Kompetenzen erwerben

Daneben gibt es aber auch die umgedrehte Pyramide, die Entdeckungsgeschichte der digitalen Agenda. Für die Wohlfahrtsverbände gilt, was für alle anderen Bereiche von Gesellschaft und Wirtschaft ebenso zutrifft: Die digitale Transformation ist eine disruptive Kraft. Sie stellt prinzipiell alles Tradierte auf den Kopf. Überkommene Gewissheiten können unter den Vorzeichen der Algorithmisierung von Entscheidungen, der Plattformisierung sozialer Dienstleistungen und der Hybridisierung der Sozialräume dahinschmelzen wie der Schnee in der Frühlingssonne. Offensichtlich ist: Es müssen Ressourcen gepoolt, digitale Kompetenzen in allen Bereichen sozialer Infrastruktur erworben und verbandliche Entscheidungsprozesse demokratisiert werden, wenn die Wohlfahrtsverbände im digitalen Zeitalter erfolgreich bleiben wollen. Diese Herausforderung ist eine Herausforderung an Governance-Strukturen und an Führung.

War es für Lorenz Werthmann entscheidend, nach der nationalen eine Diözesanstruktur zu schaffen, so ist heute das Miteinander von Orts-, Diözesan-, Landes- und Bundesebene mit Personal- und Einrichtungsfachverbänden neu zu verhandeln. War es in den Neunzigerjahren vordringlich, Führungskräfte zu finden, die als Entscheider und Experten überzeugten, sind heute vor allem Agilität und Anpassungsfähigkeit gefragt. Die Fähigkeit, gemeinsam orientierende Lernreisen mit den Mitarbeitenden und den verbandlichen Gremien zu gestalten, ist Kern des Führungsprofils. Wie in anderen Branchen auch, sind die digitalen Führungskräfte zu permanentem Umdenken verpflichtet. Transformationserfahrung zuzulassen setzt voraus, sich bewusst in herausfordernde Situationen zu bringen: Damit Caritas – heute für morgen – offen für das Neue ist. Nah bei den Nächsten als ,caritas4you‘.

Die Autorin

Eva Maria Welskop-Deffaa ist Vorstand Sozial- und Fachpolitik beim Deutschen Caritasverband. Zuvor war sie unter anderem Leiterin des Ressorts Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik im Verdi-Bundesvorstand sowie Ministerialdirektorin im Bundesfamilienministerium.



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