AWO KV Mühlheim an der Ruhr

Unter Insolvenzschutz sanieren

Die AWO Mülheim hat sich nach der Insolvenz im Eigenverwaltungsverfahren neu aufgestellt. Lothar Fink, Geschäftsführer des Kreisverbands und Robert Buchalik, Berater und Rechtsanwalt, berichten über den Weg aus der Krise.

Lothar Fink, Geschäftsführer AWO KV Mühlheim © Frank Elschner

MÜHLHEIM AN DER RUHR – Vor etwa anderthalb Jahren befand sich die Arbeiterwohlfahrt Kreisverband Mülheim an der Ruhr in einer überaus misslichen wirtschaftlichen Lage. Die Gründe dafür lagen besonders im hohen Kapitaldienst für die bestehenden Verbindlichkeiten, in einem zu begrenzten Kreditrahmen der Hausbank und den zeitverzögerten Zahlungen der Kommunen und anderen Auftraggebern für erbrachte Leistungen – was einerseits zu Liquiditätsproblemen führte und andererseits zu hohe Vorfinanzierungskosten auslöste.

In der Branche kein Einzelfall

Ende 2016 musste die AWO Mülheim daher einen Insolvenzantrag in Eigenverwaltung stellen. Die Krise ist inzwischen überwunden: Das Eigenverwaltungsverfahren wurde vom Amtsgericht Duisburg Ende März 2018 aufgehoben. Der Kreisverband ist damit gerettet und konnte seine Eigenständigkeit erhalten.

Die damaligen Probleme des Mülheimer AWO-Kreisverbandes stellen in der Sozialwirtschaft leider kein Einzelfall dar. Teure Darlehen, seit Jahren von den Auftraggebern nicht angepasste Leistungspreise und Zuschüsse, in Kombination mit steigenden Personal- und Verwaltungskosten, betreffen die gesamte Branche. So beantragen in Deutschland jährlich rund 450 Unternehmen alleine aus dem Gesundheitswesen ein Insolvenzverfahren. Damit werden regelmäßig Werte zwischen 300 und 400 Millionen Euro und mehr als 6.000 Arbeitsplätze vernichtet.

Insolvenz als Chance

Viele insolvenzgefährdete Verbände und Vereine aus der Gesundheits- und Sozialwirtschaft wären durchaus zu retten. Unternehmen wie auch Vereine in einer existenzbedrohenden Krise, insbesondere solche, die drohend zahlungsunfähig oder sogar zahlungsunfähig sind, können sich –  wenn die Rahmenbedingungen stimmen – in der Eigenverwaltung im Einklang mit ihren Gläubigern wieder wettbewerbsfähig aufstellen.

Wie dies gelingt, zeigt das Beispiel der Arbeiterwohlfahrt Kreisverband Mülheim an der Ruhr. Der AWO-Kreisverband wollte in der Krise bewusst nicht den Weg einer Fusion mit einem Nachbarverband wählen, wie es in der Sozialwirtschaft häufig üblich ist. Denn dies löst oft gar nicht die eigentlichen Probleme und kostet die Verbände zudem Identität und Eigenständigkeit. 

Verzicht auf Stellenabbau

Nach ausführlicher Beratung zwischen Vorstand, Geschäftsführung und der Wirtschaftskanzlei und Unternehmensberatung Buchalik Brömmekamp haben sich die Verantwortlichen gemeinsam für den Weg einer Insolvenz in Eigenverwaltung entschieden. Denn dieses Verfahren eröffnete eine Vielzahl von Möglichkeiten, um die dringend benötigte Liquidität für die erfolgreiche Sanierung zu generieren. Das Amtsgericht Duisburg folgte dem Antrag und ordnete zunächst eine vorläufige Eigenverwaltung an, die vom vorläufigen Gläubigerausschuss einstimmig befürwortet wurde. Zudem ergänzte der sanierungserfahrene Volker Schreck von Buchalik Brömmekamp die bisherige Unternehmensleitung als Sanierungsgeschäftsführer.

Der Erhalt der Arbeitsplätze war von Anfang an ein zentrales Ziel. Oft wird bei einer Sanierung zuerst dort der Rotstift angesetzt. Dies galt es aber bewusst zu vermeiden, da die Zukunftsfähigkeit des Kreisverbandes gesichert werden sollte. Die Mitarbeiter haben diesen Weg honoriert und mit Mehrarbeit und viel Engagement an der Fortführung der AWO Mülheim mitgewirkt.

Schwierige Ausgangslage

Schnell stellte sich heraus, dass insgesamt nur wenige der klassischen operativen Sanierungsansätze in Frage kamen, denn Verbandsgröße und die Art der angebotenen Dienstleistungen ließen kaum Potentiale für eine Optimierung der Margen zu. Etwa die Hälfte der Dienstleistungen des Kreisverbandes wurden gegen Kostenerstattung erbracht. Diese fest vorgegebenen Kostenansätze gestatten dem Leistungserbringer keinen finanziellen Handlungsspielraum. Daher ergab sich dort auch kein Hebel für Sanierung – die Senkung der Personalkosten etwa hätte gleichzeitig partiell zu geringeren Erlösen geführt.

Und bei den Dienstleistungen mit nicht kostengebundenem Erlösmodell wurden Optimierungen von der amtierenden Geschäftsführung schon weitgehend vorab erfolgreich vorgenommen. Die Schließung einer verlustträchtigen Begegnungsstätte hätte zwar rein wirtschaftlich betrachtet Sinn gemacht, da diese aber einen wesentlichen Verbandskern ausmacht, hätte diese Maßnahme die soziale Identität des gesamten Verbandes gefährdet. Daher musste ein alternativer Sanierungsansatz gefunden werden.

Finanzierungskosten als Schlüssel

Der zentrale Ansatzpunkt für die erfolgreiche Sanierung bestand bei der Mülheimer AWO im Bereich der Finanzierungskosten. Bestehende Hypotheken sowie ein teures Factoringmodell bedeuteten große Belastungen. Die im Verfahren gewonnene Liquidität sowie die Instrumente des Verfahrens konnten dazu genutzt werden, teures Factoring und ein Bankdarlehen abzulösen und die Finanzierung partiell neu zu strukturieren. Die Kurzfristkredite wurden in Mittel- bis Langfristdarlehen mit geringeren Zinssätzen umgeschichtet.

Die Finanzierungskosten und der Kapitaldienst konnten dadurch erheblich gesenkt werden – bei den Zinskosten wurde jährlich ein hoher fünfstelliger Eurobetrag eingespart. Eine mittelfristige Ablösung der verbliebenen Bankdarlehen durch den Verkauf von Immobilien als weitere Handlungsoption wird derzeit geprüft.

Blick nach vorn

Die im Plan vorgesehenen Sanierungsmaßnahmen werden weiter umgesetzt. Dazu gehören unter anderem der Ausbau und die Stärkung bisheriger Geschäftsfelder. Die AWO Mülheim bemüht sich aktuell etwa darum, im Rahmen eines Ausschreibungsverfahrens für die Ganztagsbetreuung an Schulen, verlorene Standorte zurückzugewinnen.  Sie hat sich daher für acht von den jüngst 20 von der Stadt ausgeschriebenen Schulen beworben. Darüber hinaus wird sich der Kreisverband auch um Arbeitsmarktdienstleistungen bewerben, die von der Agentur für Arbeit oder der Sozialagentur ausgeschrieben werden. Innerhalb des Eigenverwaltungsverfahrens war dies leider nicht möglich.

Die Autoren
Lothar Fink ist Bankkaufmann und Geschäftsführer der AWO Mülheim an der Ruhr.

Robert Buchalik ist Rechtsanwalt seit 1983 und Geschäftsführer der Wirtschaftskanzlei und des Beratungsunternehmens Buchalik Brömmekamp aus Düsseldorf (www.buchalik-broemmekamp.de).

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