26.10.2022, 10:22 Uhr
Eingliederungshilfe

Angebote BTHG-konform gestalten

Seniorberaterin Huffziger © rosenbaum nagy unternehmensberatung

Das BTHG führt zu tiefgreifenden Veränderungen in der Eingliederungshilfe. Anne Huffziger von der rosenbaum nagy unternehmensberatung gibt fünf Tipps, wie sich Leistungserbringer bestmöglich vorbereiten.

Das Bundesteilhabegesetz (BTHG) bringt für Leistungsanbieter in der Eingliederungshilfe eine Vielzahl an Herausforderungen. Im Kern muss der vielbesagte Paradigmenwechsel auf allen Ebenen einer Organisation in die Praxis umgesetzt werden. Die Umsetzung läuft in vielen Bundesländern schleppend und ist mit vielen Schwierigkeiten und Unklarheiten verbunden. Der nachfolgende Artikel zeigt fünf Handlungsfelder auf, damit sich Leistungsanbieter optimal auf die weitere Umstellung vorbereiten können:

1: Mit BTHG-Leitgedanken auseinandersetzen

Personenzentrierung, UN-Behindertenrechtskonvention, Modularisierung, die Trennung der Leistungen sowie Wirkung und Wirksamkeit sind nur einige zentrale Begrifflichkeiten rund um das BTHG. Auch wenn diese Begriffe bekannt sind, ist es sinnvoll, sich mit den dahinterliegenden Grundideen des Gesetzgebers auseinanderzusetzen. Ein zentrales Element ist dabei der jeweils gültige Landesrahmenvertrag, der durch den Leistungserbringer adaptiert werden muss.

Bei vielen Leistungserbringern wird eine personenzentrierte Haltung bereits gelebt, doch nun muss sich dies auch in der Ausgestaltung und Beschreibung der Leistungen und deren Vergütung wiederfinden. Die Vergütung folgt der Leistung und diese dem Bedarf der Leistungsberechtigten. Es gilt, diese neue Perspektive zu verinnerlichen und sich entsprechend neu aufzustellen.

2: Eingliederungshilfe strategisch neu ausrichten

Das BTHG bietet den Leistungsanbietern die Möglichkeit, auch ihre eigenen Angebotsfelder zu hinterfragen. Denn die Umstellung auf das personenzentrierte Modell bringt nicht nur unmittelbare Veränderungen bei der Leistungserbringung mit sich, sondern führt auch zu grundsätzlichen organisatorischen und strukturellen Änderungen – von der besonderen Wohnform vor Ort bis zur zentralen Verwaltung eines Komplexträgers.

Konkret bedeutet dies, unter anderem strategisch festzulegen, welche Einheiten künftig gemeinsam oder eigenständig verhandelt werden müssen oder sollen. Grundsätzlich gilt, dass eine Mischfinanzierung von beispielsweise unterschiedlichen besonderen Wohnformen nicht mehr vorgesehen ist. Orientierung bieten hier die Bedarfe der Leistungsberechtigten. Eine Separierung in einzelne Einheiten kann sich dabei auch auf organisatorische Aspekte hinsichtlich der Leitung und Verwaltung der Einheiten auswirken.  

3: Konzepte und Angebotsmodellierung erstellen

Zentrales Element der ,neuen Welt‘ ist dabei das Fachkonzept. Die Anforderungen an die neuen Konzepte sind deutlich umfassender als früher. Sie enthalten neben Angaben zum Anbieter auch die Beschreibung der Bedarfe der Zielgruppen und Leistungen sowie den damit verbundenen Personal-, Sach- und Ressourcenbedarf.

Mit dem Konzept werden die künftig zu erbringenden Leistungen genau beschrieben. Basis sind hier die Bedarfsfestlegungen der Leistungsberechtigten. In der ,neuen Welt‘ werden im Kern verschiedene individuell bemessene Assistenz- oder Fachleistungsmodule aus dem bisherigen Setting der vollumfänglichen Leistungserbringung herausgelöst. Dies bringt eine Vervielfachung einzelner Leistungen mit sich und führt somit zu einer deutlich erhöhten Komplexität.

Die Leistungen können aber nicht völlig frei entwickelt werden, denn neben der ICF-Passung ist auch eine Adaption an die in den Landesrahmenverträgen normierten Leistungsmodule erforderlich.

4: Entgeltverhandlungen vorbereiten

Die den Leistungsmodulen zugeordneten Leistungen müssen im nächsten Schritt kalkuliert werden. Dies umfasst den erwartbaren Personaleinsatz, sowohl quantitativ als auch qualitativ und die notwendigen Sachaufwendungen. Ziel ist es, im Vorfeld von Entgeltverhandlungen eine belastbare Datengrundlage für schiedsstellenfeste Verhandlungen herzustellen, teilweise auf der Basis projektiver Kalkulationen.

Viele Leistungserbringer durchlaufen seit Jahren eine pauschale Entgeltfortschreibung. Nun gilt es, sich auf Einzelverhandlungen vorzubereiten. Hierzu gehören die Zusammenstellung aller relevanten Unterlagen, die Erstellung der Kalkulation auf Basis der Konzepte und den Vorgaben aus den Landesrahmenverträgen sowie die Beachtung der Formalitäten und Fristen, um mögliche Formfehler zu vermeiden.

5: Mit allen relevanten Beteiligten kommunizieren

Der Erfolg der BTHG-Umsetzung zeigt sich aber auch dadurch, wie ein Anbieter es schafft, die eigenen Mitarbeitenden, aber auch Leistungsberechtigte und andere Anspruchsgruppen bei der BTHG-Umstellung mitzunehmen. Ein zentrales Element ist dabei: Kommunikation.

Das BTHG führt häufig zu einer hohen Verunsicherung. Dieser gilt es frühzeitig entgegenzuwirken. Mitarbeitende und Leistungsberechtigte sollten daher regelmäßig über die anstehenden Veränderungen informiert werden, auch wenn sie noch nicht alle Fragen beantworten können. Nur so werden sie auch ein Teil der BTHG-Umsetzung.


Die Autorin

Anne Huffziger ist Betriebswirtin mit dem Schwerpunkt Gesundheits- und Sozialwirtschaft (M.A.) und Sozialmanagerin (B.A.).  Sie arbeitet als Seniorberaterin bei der rosenbaum nagy unternehmensberatung GmbH mit dem Schwerpunkt Eingliederungshilfe.
huffziger(at)rosenbaum-nagy.de
0221/5 77 77 482