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Ehrenamt
Aktualisiert am 28.02.2020 - 07:50

Rollen klar verteilen

Blogger und Beiratsmitglied Jähnert © LitschiCo-Erfurt

Das digitale Ehrenamt verhilft der Wohlfahrt zu einer neuen Engagement-Kultur. Die Caritas Essen nutzt dafür Impulse von Bloggerinnen und Bloggern, berichtet Beiratsmitglied Hannes Jähnert.

Die These vom Strukturwandel des Ehrenamts ist mittlerweile mehr als 20 Jahre alt. Ihr zufolge verändern sich nicht primär die Ehrenamtlichen, sondern die Strukturen, in denen bürgerschaftliches Engagement seinen Ausdruck findet. Und in der Tat: Die Möglichkeiten, strukturelle Rahmenbedingungen für das Ehrenamt selbst zu gestalten, haben sich mit dem Aufkommen der sozialen Medien deutlich verändert. 

Dezentrales Engagement im Internet

Das Do-it-yourself einer ,Kultur der Digitalität‘, so der Buchtitel des Kultur- und Medienwissenschaftlers Felix Stalder, findet im bürgerschaftlichen Engagement seinen besonderen Ausdruck. Man denke nur an die Open Source- und Creative Commons-Bewegungen, Kampagnenplattformen wie Change.org oder Campact und mittlerweile preisgekrönte Netz-Initiativen wie #ichbinhier. Das Besondere an diesen neuen Formen des Engagements ist, dass sie vorwiegend dezentral und ortsungebunden über das Internet realisiert werden. #ichbinhier ist zunächst eine sehr große Facebook-Gruppe, in der eine Counter-Speech-Community gepflegt wird, die pauschalisierten, abwertenden und aggressiven Stimmen in den sozialen Medien gegenübertritt. Es ist egal, ob dies mit dem Smartphone an der Bushaltestelle, am Laptop in der Strandbar oder am heimischen PC geschieht. Wichtig ist das Statement für Demokratie und Toleranz, das damit gesetzt wird. 

Nun sind nicht alle Ehrenämter derart flexibel zu gestalten. Doch können sich traditionsreiche Träger bürgerschaftlichen Engagements durchaus etwas davon abschauen. So ist es bei der Caritas für das Bistum Essen geschehen. Hier wurde ein ehrenamtlicher Beirat eingerichtet, der für den Caritasrat der Diözese Empfehlungen zur Projektförderung aus seinem Innovationsfonds erarbeitet. Als Mitglied dieses Beirates kann ich hier aus erster Hand berichten, dass digitales Ehrenamt auch in der Wohlfahrtspflege möglich ist. 

Blogerinnen und Blogger in den Beirat berufen

Als Caritasdirektorin berief Sabine Depew sechs Bloggerinnen und Blogger in den Beirat, die sich schon länger mit sozialer Innovation beschäftigen. Im Vordergrund stand für uns entsprechend nicht die Beiratsarbeit sondern das gemeinsame Interesse am Thema. Zum Auftakt traf sich die Gruppe einmal in Essen, um die Grundlagen für die gemeinsame Arbeit zu legen. Das Ergebnis: einige Kriterien als Definition sozialer Innovationen, ein Austausch über das Was, das Wie und das Wozu unseres Engagements und der Hashtag #CariEhre. Darüber hinaus vereinbarten wir, dass es möglichst wenige Treffen abseits der üblichen Konferenzen und noch weniger E-Mails geben sollte. 

Wir mussten zunächst etwas experimentieren, um das beste Tool für unsere Arbeit zu finden. Die ersten Versuche mit dem Instant-Messenger Threema und dem Projektmanagement-Tool Meistertask scheiterten. Doch mit Workplace, einer von Facebook entwickelten Plattform für Unternehmen, fanden wir eine für uns technisch gut funktionierende Lösung. Im Prinzip koordinieren wir uns nun über eine Art geschlossene Facebook-Gruppe, aus der wir auf Doodle für gemeinsame Video-Konferenzen und zu bearbeitende Dokumente in der Cloud verlinken. 

Digitale Lernformate in der Pflege gefördert

Recht schnell entstanden in diesem Rahmen handhabbare Vorlagen und routinierte Arbeitsprozesse, die wir in etwa halbjährlichen Rückblicken überdenken. Der Austausch untereinander und mit den Hauptamtlichen der Caritas für das Bistum Essen basiert auf einem klaren Rollenverständnis: Wir erarbeiten auf der Grundlage unserer Expertisen Empfehlungen. Die hauptamtlichen Ansprechpartnerinnen in Essen beraten verbandliche Stakeholder auf der Grundlage ihrer Erfahrungen sowie der vereinbarten Prozesse. Der Caritasrat entscheidet über die Förderung. So wurde beispielsweise ein Projekt für die Entwicklung digitaler Lernformate für die ambulante Pflege gefördert, in der Personalengpässe immer wieder dazu führen, dass notwendige Schulungen nicht besucht werden können. 

Es klingt paradox, doch unsere Selbstorganisation kommt nicht ohne Organisation aus. Eine Organisation allerdings, die mehr Räume schafft, als sie Prozesse vorgibt, und die Hintergrundinformationen bereit- statt Alternativlosigkeiten darstellt. In unserem Fall übernimmt das Sabine Depew, die mit der Berufung eines Beirats aus ihrer Blogger-Community einen durchaus bemerkenswerten Dreh im Freiwilligenmanagement vollzog: weg vom Fokus auf die zu erledigenden Aufgaben, hin zur Einbindung einer engagierten Gemeinschaft. 

Der Autor

Hannes Jähnert ist Mitglied des Beirats beim Caritasverband für das Bistum Essen und Referent für soziale Innovationen und Digitalisierung im DRK-Generalsekretariat. h.jaehnert(at)drk.de 

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