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Gründung
Aktualisiert am 30.10.2020 - 07:15

Ideen erfolgreich umsetzen

Vorstandsvorsitzende © Raczynski HVD BB/ Hoffotografen

Die Gründung einer Organisation ist herausfordernd. Wie sie in sechs Schritten gelingt, verrät Katrin Raczynski, Expertin für Organisationsentwicklung und Vorständin des Humanistischen Verbandes Berlin-Brandenburg.

Schritt 1: Idee unterfüttern

Zuallererst gilt es, die Frage zu beantworten: Wofür braucht die Welt meine Organisation, mein Projekt, meine Initiative? Es ist erfolgsentscheidend, die erste Idee mit guter Recherche und Marktkenntnis zu unterfüttern. Folgende Frage kann dabei helfen: Ist die Idee schon in der Welt oder bin ich Pionierin? Oft gibt es bereits Ideenvorbilder, regional, national oder international. Falls nicht, helfen Gespräche mit Experten und Expertinnen oder auch mit potenziellen Nutzern und Nutzerinnen der geplanten sozialen Dienstleistung, um ein Gefühl dafür zu bekommen, ob und wie sehr die eigene Idee trägt.

Wenn es die Idee schon gibt, beschäftigen Sie sich mit der Frage: Wer hat sie an welchen Orten mit welchem Angebotsprofil umgesetzt? Recherchieren Sie gründlich die Marktlage und analysieren Sie, warum es ein weiteres Angebot braucht. Dazu gehört, genau zu prüfen, wie die vorhandenen Angebote profiliert und auf welche Personengruppen sie zugeschnitten sind. Ein sogenanntes Alleinstellungsmerkmal, also etwas, das nur Ihre Idee und Ihr Gründungsprojekt auszeichnet, ist meist hilfreich, um ein neues Angebot zu etablieren. Nutzen Sie auch die Möglichkeit, mit Betreibern vergleichbarer Einrichtungen und Angebote zu sprechen. Machen Sie sich selbst zu Expertinnen und Experten!

Schritt 2: Vision entwickeln

Viele Gründungsprojekte brauchen einen langen Atem sowie die Investition von Unmengen privater Zeit und den Einsatz eigenen Geldes. Sind Sie dazu bereit? Hinterfragen Sie gerade zu Beginn, ob und in welcher Form Sie bereit sind, die geplante Gründung trotz vieler Risiken und Unwägbarkeiten zum Erfolg zu führen.

Schritt 3: Finanzierung sondieren

Auch wenn es sich bei der geplanten Idee um eine soziale Dienstleistung handelt: Jede Idee bedarf eines finanziell soliden Fundamentes. Nun steht dringend auf dem Plan, die Idee einmal durchzurechnen. Für viele scheint dies, eine unüberwindbare Hürde zu sein. Es geht zunächst aber auch hier um ganz einfache Fragen: Was brauche ich, um starten zu können? Mit welcher Organisationsgröße ist es sinnvoll zu beginnen? Mit welcher Geschwindigkeit kann und will ich wachsen?

Im nächsten Schritt sollte dann die Finanzierung skizziert werden. Wenn es für die angebotene soziale Dienstleistung bereits eine Regelfinanzierung gibt, muss geprüft werden, ob Sie an dieser partizipieren können. Wenn es keine öffentliche Regelfinanzierung gibt, müssen die Dienstleistungen gekauft werden. Hier bedarf es gründlichen Überlegungen entlang von Zielstellungen und Möglichkeiten, auch unter Berücksichtigung sozialer Aspekte.

Darüber hinaus gibt es vielfältige Fördermöglichkeiten für soziale Projekte über Drittmittel, Landesmittel, Bundesmittel, EU-Mittel und unterschiedlichste Förderprogramme. Neben der eigenen Recherche sollte hier auch Beratung durch öffentliche Stellen in Anspruch genommen werden. Identifizieren Sie zudem frühzeitig Unterstützergruppen. Prüfen Sie Möglichkeiten wie das Crowdfunding und zögern Sie nicht, Unternehmer und Unternehmerinnen für Ihre Anliegen zu gewinnen.

Am Ende steht ein Finanzierungsplan, der sinnvollerweise unterschiedliche Szenarien berücksichtigt. Schließlich müssen Sie am Anfang eines Projekts viele Annahmen treffen und ein bisschen mit den Zahlen spielen. Sie sollten ein Gefühl dafür bekommen, was finanziell unbedingt notwendig ist, um ins Spiel zu kommen, ohne dabei zu hohe persönliche Risiken einzugehen.

Schritt 4: Mitstreitende finden

Sicherlich kann man eine Gründung als Einzelperson erfolgreich realisieren. Meine eigene Erfahrung zeigt jedoch, dass sich Fähigkeiten und Kompetenzen in einem Team multiplizieren und man Rückhalt und Ermutigung in schwierigen Gründungsphasen findet. Die Wahl der richtigen Mitstreitenden gehört sicherlich zu den wichtigsten Grundsatzentscheidungen. Sie sollte nicht nur von Sympathie und Begeisterung für die gleiche Idee getragen sein, sondern auch von profunder professioneller Erfahrung, idealerweise in verschiedenen fachlichen Bereichen wie Finanzen, Fundraising oder Marketing. Aber Achtung: Ein Gründungsprozess mit vielen Personen wird ungleich anspruchsvoller und potenziell langsamer. Zudem kann es in der intensiven Gründungsphase zu Konflikten kommen. Hier sollten Sie sich also von Ihrer eigenen Persönlichkeit leiten lassen: Arbeiten Sie lieber alleine oder im Team? Sind Sie stark in der Kommunikation oder ecken Sie eher mal an?

Schritt 5: Rechtsform wählen

Zum Gründen gehört auch die Entscheidung, welches Rechtskleid man sich anziehen kann und möchte. Diese Entscheidung beinhaltet immer auch eine vertiefte Reflexion der eigenen Risiko- und Investitionsbereitschaft, der monetären Zielstellungen und der gewünschten Entscheidungsstrukturen in einer neuen Organisation. Da die Folgen der Entscheidung weitreichend sind, empfehle ich an dieser Stelle eine Beratung durch eine hiermit erfahrene Person.

Schritt 6: Werbetrommel rühren

Insbesondere dann, wenn das neu gegründete Projekt kein Selbstläufer ist – vermutlich sind dies die wenigsten Neugründungen – braucht man Unterstützende jeder Art. Es ist sinnvoll, einen großen Teil seiner Zeit für das ,Trommeln‘ zu reservieren,  zur Gewinnung von Geld- oder Zeitspendendenden, der Suche nach prominenten Fürsprechenden oder auch Unterstützenden in der Politik. Erfolgreiche Gründer und Gründerinnen von sozialen Projekten wissen um die Bedeutung dieses Aufgabengebietes. Denn: Die Welt ist voll von guten Ideen und es muss Ihr Anspruch sein, sich Aufmerksamkeit und Gehör für Ihre Idee zu verschaffen.

Am Ende entstehen ganz im Sinne Kafkas neue Wege dadurch, dass man sie geht. In diesem Sinne wünsche ich allen Gründern und Gründerinnen ganz viel Mut, Entschiedenheit, Vertrauen in den eigenen Weg und natürlich: Erfolg!

Die Autorin

Katrin Raczynski ist Vorständin des Humanistischen Verbandes Berlin-Brandenburg. Die Diplom-Psychologin arbeitete als Organisationsberaterin und -entwicklerin in verschiedenen Organisationen. Außerdem hat sie zahlreiche Gründungsprojekte im Sozial- und Bildungsbereich initiiert, begleitet und realisiert. presse(at)hvd-bb.de

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