Arbeitszeit

Arbeitszeit: Deutsche wollen goldene Mitte

Drei von vier Beschäftigten sind unzufrieden mit ihren Arbeitszeiten. Teilzeitkräfte möchten lieber länger arbeiten, Vollzeitkräfte hingegen gerne kürzer treten.

DÜSSELDORF - Eine Verkürzung der Arbeitszeit liegt derzeit zwar nicht im Trend, den Vorstellungen der meisten Arbeitnehmer würde sie jedoch entsprechen. Gut 54 Prozent der abhängig Beschäftigten wünschen sich eine Reduktion ihrer Arbeitsstunden, und das auch bei geringerem Verdienst. Weitere 18,2 Prozent der Beschäftigten möchten dagegen mehr Stunden je Woche arbeiten. Mit ihrem Pensum einverstanden sind lediglich 27,8 Prozent. Ökonomen der Universität Flensburg haben die Zufriedenheit der Beschäftigten in Deutschland mit ihren Arbeitszeiten untersucht. Dazu analysierten Gerd Grözinger, Wenzel Matiaske und Verena Tobsch Angaben des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP), einer mit 20.000 Befragten repräsentativen Stichprobe der deutschen Bevölkerung.

Große Abweichungen zur Wunscharbeitszeit. Die gewünschte Arbeitszeit der Erwerbstätigen liegt im Schnitt bei rund 34,5 Stunden je Woche. Das gilt für den Durchschnitt aller Untergruppen: für die mit dem Status Quo Zufriedenen ebenso wie für die Unzufriedenen. Und es gilt sowohl für jene, die ihre Arbeitszeit verkürzen möchten wie auch für jene, die sie gerne etwas länger hätten. Die Zeitpräferenzen sind "fast deckungsgleich", stellen die Autoren fest. Auf die weit verbreiteten und eindeutigen Vorlieben nimmt die Praxis mit vollen und halben Stellen jedoch wenig Rücksicht.

Den Wunsch nach einer Verkürzung äußern vor allem Beschäftigte, die aktuell viele Stunden arbeiten. Die Mitglieder dieser Gruppe haben im Schnitt eine Vollzeitstelle mit vereinbarten 37 Stunden, leisten aber tatsächlich 42,6 Stunden. Tendenziell gehören dazu eher Frauen, Ältere und in Westdeutschland Lebende. Sie wollen im Schnitt acht Stunden weniger am Arbeitsplatz verbringen. Mehr arbeiten möchten dagegen vorwiegend Beschäftigte mit einer Teilzeitstelle, die im Mittel 25,7 Stunden arbeiten. Dazu zählen viele viele Jüngere und Erwerbstätige in Ostdeutschland. Auch hier beträgt die Distanz zur goldenen Mitte rund acht Stunden.

Einbuße an Lebensqualität. Für das individuelle Wohlbefinden hat die Arbeitszeit eine ähnlich große Bedeutung wie das verfügbare Einkommen, erklären die Autoren. Wer anders arbeitet als gewünscht, muss darum eine erhebliche Einbuße an Lebensqualität hinnehmen. Fallen gewünschte und realisierte Arbeitszeit spürbar auseinander, verringere sich die Zufriedenheit signifikant. Das beobachteten die Wissenschaftler in allen erfragten Segmenten der Zufriedenheit - egal, ob es um die Zufriedenheit mit der Arbeit, Gesundheit und allgemeinen Lebenssituation geht.

Arbeitszeitwünsche sind den Wirtschaftswissenschaftlern zufolge eine bisher zu wenig beachtete Dimension in der Arbeitsmarktpolitik. Die drehe sich fast ausschließlich um Lohnhöhen und Qualifikationsmerkmale. "Die Präferenzen der Marktteilnehmer sollten jedoch in ökonomischen Betrachtungen immer mit an vorderster Stelle stehen", erklären die Ökonomen. Würden die Arbeitszeitwünsche der Beschäftigten berücksichtigt, käme es zu einer Arbeitszeitverkürzung von im Durchschnitt 2,77 Stunden je Erwerbstätigem. Nach den Berechnungen der Wissenschaftler verbirgt sich dahinter das Potenzial von über 2,4 Millionen neuen Vollzeitjobs. Auch wenn sich das nicht komplett realisieren lässt - eine Chance zur Umverteilung der Arbeitszeit auf derzeit Erwerbslose gibt es den Forschern zufolge dennoch. Um den vorhandenen Spielraum besser zu nutzen und gleichzeitig den Wünschen der Erwerbslosen nach Beschäftigung nachzukommen, empfehlen die Autoren eine neue Regulierungsinstanz. Ähnlich wie die Zentralbank die Inflation kontrolliere, könnte eine Arbeitszeitagentur zur besseren Umsetzung von Arbeitszeitwünschen beitragen.  

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