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Zusammenschlüsse
Aktualisiert am 13.08.2020 - 10:54

Unternehmen erfolgreich integrieren

Vorstand Rafiqpoor © BDO

Nicht jede Fusion wird ein Erfolg. Worauf Träger bei der Eingliederung neuer Unternehmen achten müssen, verrät Parwäz Rafiqpoor, Vorstand BDO Wirtschaftsprüfungsgesellschaft.

40 Prozent der Krankenhäuser haben 2018 Verluste eingefahren, wobei es im Jahr davor noch 30 Prozent waren. Dies erhöht die Gefahr von Insolvenzen. Angesichts dessen und der knapp kalkulierten Covid-19-Entschädigungsregelungen ist 2021 mit einer steigenden Anzahl von Transaktionen zu rechnen. In den letzten zwei Jahren wurden jeweils rund 100 Transaktionen im Gesundheitswesen durchgeführt, davon knapp ein Drittel im Krankenhaussektor. Doch ist noch lange nicht jede Fusion erfolgreich. So schätzen Experten die Misserfolgsquote von Fusionen der Gesamtwirtschaft auf etwa 58 bis 85 Prozent. Eine fehlende systematische Integrationsphase scheint häufig der Grund für das Scheitern zu sein, sodass wirtschaftliche, strategische, prozessorientierte  Fusionsziele nicht erreicht werden oder die Fusion rückabgewickelt wird.   

Im letzten Jahrzehnt lag der Schwerpunkt bei Klinikfusionen auf trägereinheitlichen Transaktionen und nur noch vereinzelt auf Privatisierungen. Krankenhäuser können nur sehr bedingt organisch wachsen, da das deutsche Gesundheitswesen stark reguliert ist, was Bettenkapazitäten, Fallzahlen und Vergütung angeht. Übergeordnetes Ziel ist die flächendeckende Versorgung und nur bedingt der wirtschaftliche Erfolg des einzelnen Krankenhauses. Daher fusionieren Kliniken, um Synergieeffekte zu erzielen, Kosten zu sparen und eine ökonomisch rentable Betriebsgröße zu erreichen.

Diese Dimensionen spielen eine besondere Rolle bei der Post-Merger-Phase:

Personal & Kultur

Neben ökonomischen Parametern gewinnen die weichen Due Diligence Faktoren immer mehr an Bedeutung. So gehen Zusammenschlüsse häufig mit Verunsicherungen und Sorgen der Beschäftigten einher. Eine transparente und kontinuierliche Kommunikation ist daher unerlässlich. Sind Mitarbeiter, Führungskräfte und Betriebsräte frühzeitig über die Fusionspläne informiert worden, gelingt die Post-Merger-Phase deutlich besser. Beim Scheitern von Fusionen sind es in über 80 Prozent der Fälle die Führungskräfte, die das Fusionsziel torpedieren. Um die Führungsebene weiterhin zu motivieren und zu binden, sollten diese gezielt in den Integrationsprozess eingebunden werden. Nicht selten scheitern Zusammenschlüsse aufgrund von unterschiedlichen Unternehmenskulturen. In der Regel ziehen sich Fusionsprozesse über viele Jahre, was sich deutlich auf die Motivation und Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter auswirkt. Ein proaktives Human Resource Management kann sich positiv auf die Belegschaft auswirken.  

Unternehmensentwicklung & Medizinstrategie

Neue Unternehmen lassen sich im Zuge einer Fusion erfolgreich in den Konzernverbund integrieren, indem zunächst eine Harmonisierung der Vision und Strategie erfolgt. Dabei ist die Erarbeitung einer optimalen medizinischen Strategie ein wesentlicher Erfolgsfaktor. Diese sollte etwa aus der demografischen und gesellschaftlichen Entwicklung sowie den Marktgegebenheiten abgeleitet werden, um die Kernkompetenz des Hauses zu erarbeiten. Im Zuge der strategischen Neuausrichtung entscheiden sich Kliniken nicht selten dafür, sich vom ‚Vollsortiment‛ zu hochspezialisierten Zentren zu entwickeln. Die Rolle von Kooperationspartnern wie Einweisern, Reha- sowie Pflegeeinrichtungen sowie die zunehmende Bedeutung von Fernbehandlungen via Telemedizin darf hierbei nicht unterschätzt werden.

Digitalisierung

Fusionieren Krankenhäuser, so müssen zunächst die IT-Systemlandschaften der Häuser vereinheitlicht und der Datenaustausch ermöglicht werden. Im Zuge dessen sollte die Chance genutzt werden, um die Digitalisierung im Haus weiter voranzutreiben. Ziel ist das „Smart Hospital“, in dem der Einsatz von künstlicher Intelligenz, Robotik sowie die Implementierung einer elektronischen Patientenakte die Arbeit wesentlich erleichtern soll. Selbstverständlich muss sichergestellt werden, dass die Datenhoheit stets beim Patienten liegt und alle Aktivitäten patientenzentriert sind. In diesem Kontext spielen auch Datenschutz und Defizite vieler Häuser bei der Datensicherheit eine Rolle, Stichwort Cyberkriminalität. Der Einsatz neuer Technologien sowie die Digitalisierung von Prozessen kann zu Effizienzsteigerungen führen, wodurch wesentliche Einsparpotentiale generiert und gleichzeitig die Patientenversorgung optimiert werden kann.

Prozesse

Die Komplexität und Dauer des Change-Prozesses in der Post-Merger-Phase werden meist unterschätzt. Daher ist ein systematisches Integrationscontrolling besonders wichtig. Die Kunst besteht darin, Doppelbearbeitungen zu vermeiden und Synergieeffekte zu erzielen, etwa beim Einkauf, Controlling, Personal oder Qualitätsmanagement sowie In- und Outsourcing-Optionen zu prüfen.

Ausblick

Eine erfolgreiche Post-Merger-Phase wird vor allem von den weichen Faktoren, wie die Motivation und Bindung der Mitarbeiter sowie einer agilen Unternehmenskultur bestimmt. Der Integrationsprozess sollte planvoll und in einer angemessenen Geschwindigkeit erfolgen.

Das traditionelle Krankenhaus hat ausgedient. In Zukunft werden spezialisierte Zentren und sektorenübergreifende Vernetzung immer wichtiger. Die digitalen Innovationen sollen dazu beitragen, die Patientenversorgung zu optimieren. Dabei stellt der Patient den Mittelpunkt aller Prozesse dar. Nicht nur für das Entlassmanagement sind (regionale) Kooperationen ein Erfolgsfaktor, sondern auch für die Personalrekrutierung sowie die Gewinnung von Patienten.

Der Autor:

Parwäz Rafiqpoor ist Vorstand der BDO Wirtschaftsprüfungsgesellschaft.

parwaez.rafiqpoor(at)bdo.de

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